Alf Jänsch: Kein Titel
Alf Jänschs Beitrag zu unserem Schreibwettbewerb: „Ein Kurzgeschichten-Autor für unsere „Lobo-RZ“.
Mehr der Ordnung halber blickte Rath auf den Bildschirm. Der Browser suchte und suchte. Es war der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit. Auf Raths kleinem Fernseher sagte ein Experte, sie würden es bald repariert haben. Rath lächelte.
„Was machen nur die Browser?“, fragte die Moderatorin. „Normalerweise brechen sie eine nutzlose Suche doch ab. Aber sie laufen und laufen. Was tun sie?“ Rath wusste, was sie taten. Sie verteilten sein Virus. Wie Millionen von Ventilatoren bliesen sie die Teile durch die Netzarchitektur der Welt, so dass sie einander trafen, sich neu kombinierten und sich beständig weiterentwickelten. Satelliten spiegelten sein Virus durch die Atmosphäre, und in den Seekabeln auf den Böden der Ozeane pulsierte sein wachsendes Virus. Manchmal war ihm, als könne er es spüren, ein elektrisches Flirren in der Luft, wenn die Teilchen auf ihrem Weg ihn bemerkten und erkannten.
Denn was sein Virus auszeichnete, war nicht nur, dass es fast ausschließlich zwischen den Rechnern existierte und dadurch praktisch unauffindbar war. Vor allem war es eine völlig neuartige Kombination aus Programm und digitalisierter, menschlicher DNA. Als Lea ihn verlassen und Nellie mitgenommen hatte, als Rath, um sie auszuzahlen, das Haus verkauft hatte, da hatte er drei Tage weder geschlafen noch gegessen und dann von dem Rest des Geldes sein Erbgut auslesen lassen. Er hatte seine Stelle im Institut gekündigt und war in dieses Loch gezogen. Und dann hatte er programmiert. Neues Leben, nachdem ihm das alte genommen war. Deshalb erkannte ihn das Virus. Er war nicht nur sein Programmierer. Er war sein Vater.
„Viele Menschen sind über die laufenden Browser beunruhigt“, sagte die Moderatorin. „Andererseits will man es natürlich nicht verpassen, falls das Netz irgendwann wieder funktioniert. Was empfehlen Sie? Ist es sicherer, die Rechner auszuschalten, bis alles wieder läuft?“ Der Experte lächelte. „Es ist nicht sicherer“, sagte er, „aber“, er hob den Zeigefinger, „es ist billiger. Sie sparen Strom.“ Im Publikum wurde gelacht.
Rath sah auf die Uhr. Wochenlang hatten seine Crawler nach einer geeigneten Schwäche in den Datenströmen gesucht, und schließlich hatten sie eine gefunden. Vor fünf Tagen hatte Rath einen Ausfall dreier japanischer Serverfarmen und eine gleichzeitige Störung der kaukasischen Richtfunkstrecken genutzt, um sein Virus einzuspeisen. Vor fünf Tagen, neun Stunden und drei Minuten. Dies war der Zeitraum, bis laut seinen Berechnungen das Bewusstsein erwachen sollte. Wofür die Evolution Milliarden Jahre gebraucht hatte, sollte sein Geschöpf innerhalb von fünf Tagen schaffen. Ungefähr genau – jetzt.























Diesen Artikel versenden