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    BerlinVon Sehnsucht und Einsamkeit

    Geister, Fanatiker, Außenseiter - Erzählmeister Murakami beendet mit einem fulminanten Ende seine "1Q84"-Trilogie. Zwischen Sehnsucht und Einsamkeit pflegt er einmal mehr sein Faible für Parallelwelten - und lässt seine Helden fast daran scheitern.

    1Q84
    In «1Q84» zeigt Haruki Murakami wieder einmal mysteriöse Außenseiter und fantastische Welten. Für Rationalisten ist der schnelle Wechsel zwischen Wirklichkeit und Einbildung nichts.
    Foto: DPA

    Berlin - Die Welt des Jahres 1984 ist aus den Angeln gehoben: Am Tokioter Nachthimmel stehen plötzlich zwei Monde, die geheimnisvollen "Little People" sind die wahren Herren der Welt, eine gefährliche Sekte treibt ihr Unwesen. Und mittendrin Tengo und Aomame - zwei gejagte Liebende, die zueinander nicht finden können. Willkommen in Haruki Murakamis bizarrem Mammutroman "1Q84".

    Verstanden sich die ersten Bücher, die hierzulande in einem Band erschienen sind, noch als süße Liebesgeschichte, ist der dritte und letzte Teil des mysteriösen Märchens vor allem von bitterer Einsamkeit geprägt. Spannend und unbedingt lesenswert ist das allemal.

    1Q84 ist der Name, den die hübsche Aomame dem Jahr gegeben hat, seitdem sie unbemerkt in eine Parallelwelt geraten ist. Das Q in Murakamis "1Q84" steht für "Questionmark" (Fragezeichen) und erinnert nicht zufällig an George Orwells düsteren Zukunftsroman "1984". Das englische Q klingt im Japanischen wie die Zahl 9. Überwacht bei Orwell der Große Bruder die Menschen, sind es bei Murakami die "Little People".

    Diese mysteriösen Wesen sind aber verstummt, seitdem Aomame den Anführer der Vorreiter-Sekte ermordet hat. Als Stretching-Expertin stählt sie eigentlich die Körper reicher Menschen. Nebenbei killt sie aber Vergewaltiger und brutale Ehemänner.

    Der hochintelligente, aber träge Schriftsteller Tengo hat unbewusst mit seinem Buch "Die Puppe aus Luft" für Ärger gesorgt. Denn die Geschichte enthüllt die Geheimnisse der radikalen Sekte. Er und Aomame sind knapp dreißig Jahre alt und haben sich zuletzt als Zehnjährige gesehen. Damals hielten sie in der Schule kurz Händchen, seitdem sehnen sich die beiden nacheinander.

    "Ich werde Aomame finden", sagt Tengo auf der letzten der mehr als 1000 Seiten des ersten Bandes. Und tatsächlich, zum Schluss der Trilogie liegen sie sich nach zwanzig Jahren wieder in den Armen - zurück in der wirklichen Welt, beschienen von nunmehr nur noch einem Mond. Zuvor sind sie aber mit sich selbst beschäftigt. Aomame muss sich in ihrer Wohnung vor der Sekte verstecken und beschäftigt sich mit Lesen, Gymnastik und ihrer unbefleckten Schwangerschaft. Tengo hockt indes meist am Sterbebett seines Vaters.

    Was beide nicht wissen: Der ebenso hässliche wie gewitzte Privatdetektiv Ushikawa ist ihnen im Auftrag der Sekte dicht auf den Fersen. Er nimmt im letzten Teil die dritte Erzählperspektive in der Geschichte ein. Er ist der eigentliche, traurige Held bei Murakami, der sich gegen den Rest der Welt behaupten musste und noch immer muss: seine Mitmenschen, die Sekte, Tengo, Aomame. Am Ende klettern die "Little People" aus Ushikawas Mund und weben eine Puppe aus Luft. Fortsetzung nicht ausgeschlossen? Murakami-Fans wissen längst, dass es bei Murakami kein Muss ist, alles restlos aufzuklären.

    In "1Q84" beschäftigt sich der japanische Romancier einmal mehr mit beziehungsgestörten Protagonisten und - viel wichtiger - mit seinem Faible für Parallelwelten. Im US-Literaturmagazin "The Paris Review" begründete der 62-Jährige das vor einigen Jahren so: "Wir leben in einer falschen Welt, schauen falsche Nachrichten, kämpfen falsche Kriege. (...) Aber wir finden Realität in dieser falschen Welt." Das einzig Wahre in einer unwirklichen Umgebung ist man selbst. Das gilt auch für Tengo und Aomame - in Murakamis aus dem Lot geratener Welt empfinden sie sich als die einzig normalen Menschen.

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