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    LondonEin Einzelzimmer mit Pritsche, bitte!

    „Du behältst diese Kleider für die restlichen 25 Jahre deiner Haft – oder für eine Nacht, wenn du dich gut benimmst“, sagt im Werbevideo der Wärter mit einem grimmigen Gesicht. Der junge Mann in einem ausgewaschenen blauen Hemd und einer grauen Hose klammert sich verzweifelt an die Gitter der engen Zelle.

    Na, dann gute Nacht: Um 23.45 Uhr gehen im Londoner Alcatraz die  Lichter aus. Die Hotelgäste können es sich dann auf 1,50 mal 2,70 Metern  bequem machen und testen, wie es sich im Gefängnis schläft. 
    Na, dann gute Nacht: Um 23.45 Uhr gehen im Londoner Alcatraz die Lichter aus. Die Hotelgäste können es sich dann auf 1,50 mal 2,70 Metern bequem machen und testen, wie es sich im Gefängnis schläft. 
    Foto: Alexei Makartsev

    London - „Du behältst diese Kleider für die restlichen 25 Jahre deiner Haft – oder für eine Nacht, wenn du dich gut benimmst“, sagt im Werbevideo der Wärter mit einem grimmigen Gesicht. Der junge Mann in einem ausgewaschenen blauen Hemd und einer grauen Hose klammert sich verzweifelt an die Gitter der engen Zelle.

    Die Gefühle sind gespielt, doch die düstere Umgebung ist (fast) echt. In London hat in dieser Woche ein kostenloses, sehr sonderbares Hotel eröffnet, das seine Gäste wie die Insassen des berüchtigten US-Gefängnisses Alcatraz behandelt.

    Die Haftanstalt in der Bucht von San Francisco mit dem Spitznamen „The Rock“ (der Felsen) wurde 1963 geschlossen, doch ihre globale Faszination bleibt ungebrochen: Noch ein halbes Jahrhundert später geistert Alcatraz weiter durch Popsongs, Bücher, Filme und Computerspiele. Seit Dienstag strahlt der britische Fernsehkanal Watch eine gleichnamige TV-Serie aus, die von einem mysteriösen Mordfall und einem verschwundenen Alcatraz-Häftling erzählt. Um für die Sendung zu werben, richtete der Sender in einem Gebäude um die Ecke vom Londoner Bahnhof King’s Cross eine temporäre Herberge mit vier Zellen ein, in der man sich wie der inhaftierte Mafiaboss Al Capone, der 1934 bis 1939 in Alcatraz war, fühlen kann. „Dieses Erlebnis kommt der Realität hinter Gittern sehr nahe. Tatsächlich sind viele moderne Gefängnisse wesentlich komfortabler als unser ,Rock‘“, sagt der Schauspieler John Laing, der im „härtesten Hotel Großbritanniens“ die Rolle eines Wärters spielt. Um die Authentizität zu erhöhen, haben die Briten sogar einen echten Exaufseher aus den USA eingestellt.

    Der Aufenthalt im falschen Alcatraz beginnt für die Gäste mit der demütigenden Prozedur der Einweisung, bei der sie in Gefängniskleider schlüpfen und wie echte Kriminelle frontal und im Profil fotografiert werden. Dann nehmen Laing und seine Kollegen den „Häftlingen“ alle persönlichen Gegenstände ab und lesen die strikten Regeln vor. Die Anrede „Sir“ ist Pflicht – während Lärm und jegliche Sonderwünsche hinter Gittern verboten sind. Dritte Regel: Die Zellen bleiben bis zum Anbruch des nächsten Tages in jedem Fall verriegelt, es sei denn, man benutzt ein vereinbartes Codewort, um dem inszenierten Horror vorzeitig zu entkommen.

    Es ist zweifellos die schäbigste Unterkunft, die die glamouröse Olympiastadt London ihren Besuchern bieten kann. In den 1,50 mal 2,70 Meter großen Zellen mit zwei faltbaren Minitischen stehen Pritschen mit dünnen Matratzen und Waschbecken, in denen man sich erfrischen kann. Die Gefangenen verrichten die Notdurft in einer primitiven, dreckigen Gemeinschaftstoilette. Wie im echten Alcatraz müssen sie die Zeit mit Sportübungen und dem Nähen totschlagen. Zum Abendessen gibt es Fast Food mit Wasser, serviert auf einem metallenen Tablett. Um 23.45 Uhr ertönt ein lautes Signal einer Trillerpfeife, und die Gefängnislichter gehen aus.

    Das Londoner Alcatraz war nach der Eröffnung schnell ausgebucht. Die Gäste der Olympischen Spiele werden von dieser „albtraumhaften Erfahrung“ verschont: Das Knasthotel soll schon am Wochenende wieder geschlossen werden.

    Von unserem London-Korrespondenten Alexei Markatsev

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