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  • Kunst und Natur im ewigen Dialog: Rundgang mit Erwin Wortelkamp

    Hasselbach. Seit 30 Jahren entwickelt rheinland-pfälzische Bildhauer  zusammen mit Künstlerkollegen die Kunstlandschaft "Im Tal" im Westerwald. Wir haben ihn zu einem Ortstermin getroffen.

    Rundgang durch Vielfalt: Am Bach „Im Tal“ steht Erwin Wortelkamp vor einer Steinskulptur von Nikolaus Gerhart.
    Rundgang durch Vielfalt: Am Bach „Im Tal“ steht Erwin Wortelkamp vor einer Steinskulptur von Nikolaus Gerhart.
    Foto: Sascha Ditscher

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Ein kleiner Ort weit hinten im Oberwesterwald: Hasselbach, 332 Einwohner. Zwei Kilometer weiter das nächste Dorf, noch kleiner: Werkhausen. Beide verbindet eine stille, sanft ansteigende Landschaftsmulde. Darin zwischen Sträuchern, Baumgruppen, Einzelbäumen, Feuchtwiesen und Viehweiden ein Bächlein. Diese Mulde wird „Im Tal” genannt, ist eine solitäre Erscheinung in Rheinland-Pfalz und in Kunstkreisen wohlbekannt. Denn seit 30 Jahren ist dieses Stückchen Erde unter der Ägide des Bildhauers Erwin Wortelkamp Heimstatt für eine wachsende Zahl zeitgenössischer Kunstwerke – und wurde darüber selbst zum Gesamtkunstwerk.

    An einem Wintertag treffen wir den 78-jährigen Wortelkamp hinter seinem Wohn-Arbeits-Ausstellungshaus am Hasselbacher Ende von „Im Tal”. Um die Außentreppe der umgebauten einstigen Dorfschule lagern dick verpackte Gegenstände. Das sind jene Skulpturen, mit denen 2016 eine Sonderausstellung zum Schaffen Wortelkamps im Landesmuseum Mainz bestückt war. Just an diesem Morgen hat ein Lkw sie aus der Landeshauptstadt zu ihrem Schöpfer zurückgebracht.

    Momentanes Durcheinander hinterm Haus, im Vorgarten indes geometrische Ordnung: Dort hat Landschaftsarchitektin Carola Schnug-Börgerding einen streng durchkomponierten Schmuckgarten eingerichtet. Damit ist an den Anfang des „Im Tal”-Rundganges eine Reminiszenz an den französischen Barockgarten gestellt – quasi als historischer Kontrast zur bewusst am Spiegel der Natürlichkeit orientierten englischen Gartenlandschaft, mit der das gesamte übrige Gelände bis hinauf nach Werkhausen verbunden ist.

    Erste Objektgruppe auf dem Areal war Wortelkamps „Vielleicht ein Baum“ aus geschweißten Eisenblechen gefertigt...
    Erste Objektgruppe auf dem Areal war Wortelkamps „Vielleicht ein Baum“ aus geschweißten Eisenblechen gefertigt...
    Foto: Sascha Ditscher

    50 Werke auf elf Hektar verteilt

    Drei Stunden werden wir unterwegs sein, um das elf Hektar große Areal mit 50 darin verteilten Kunstwerken zu durchwandern. Wortelkamp geht, dem Alter geschuldet, mit Stock. Doch erscheint er noch immer als robuster Kerl, der eine Kettensäge zu führen weiß. Die Waldarbeitermaschine ist eines seiner wichtigsten künstlerischen Arbeitsmittel. Mit ihr schält er aus knorzigem Baumholz jene wuchtig verwachsenen bis scheinbar federleicht geschwungenen Formen, die für sein Œeuvre typisch sind – und die bei jeder Präsentation im In- und Ausland in Beziehung zur jeweiligen Umgebung gesetzt sein wollen.

    Wortelkamp ist ein ernster Mann und ein sehr ernsthafter Künstler. Seine Anmerkungen zum Zeitgeist können von beißender Schärfe sein. Geplauder ist nicht seine Sache. Darin ähnelt er seinem 103-jährigen Künstlerkollegen K. O. Götz – Letzterer aus Aachen stammend und seit 1975 im Westerwald lebend, Ersterer in Hamm/Sieg geboren und nach diversen Lebensstationen anderwärts ebenfalls seit 1975 wieder im Westerwald ansässig. Die beiden international bekanntesten Künstler der ältesten Generation in Rheinland-Pfalz schätzen einander, auch wenn sie verschiedene Wege gegangen sind.

    Die „Schlafende Schönheit“ von Steiner/Lenzlinger ist ein umgelegtes Getreidesilo mit aktiver Kristallzucht im Innern....
    Die „Schlafende Schönheit“ von Steiner/Lenzlinger ist ein umgelegtes Getreidesilo mit aktiver Kristallzucht im Innern....
    Foto: Sascha Ditscher

    Öffentlich zugängliches Kunstareal

    Unser Weg führt vom Wortelkamp'schen Haus weg ins stets öffentlich zugängliche, gleichwohl private Kunstareal „Im Tal”. Er wird nicht nur zur spannenden Entdeckungstour von einem Kunstwerk zum nächsten, sondern unter Führung von dessen Initiator, Pfleger und Spiritus Rector auch zur Sehschule. Hier ist nichts zufällig. Eine Schneise durch alten Bestandswald erweist sich als bewusst angelegte Allee, die über Hunderte Meter hinweg eine Verbindung herstellt zwischen dem Haus und der ersten eigenen von Wortelkamp hier unter freiem Himmel aufgestellten Skulptur namens „Vielleicht ein Baum”.

    Das ist eine von nur zwei Wortelkamp-Werken unter den 50, die heute zum Bestand des Areals gehören. Alle anderen stammen von „Kollegen”, wurden von diesen eigens für den Verbleib an zuvor ausgewählten Stellen im Tal kreiert. Manche von bescheidener Dimension wie das Gatterkonstrukt „Pavillon – We Should Cultivate Our Garden” des Schotten Nathan Coley, der „Bildstock” des Japaners Kazuo Katase oder der dreibeinige Eisengussmann von Karl Bobek. Dann wieder opulente Installationen wie Heinrich Brummacks von Strauchwerk und Ziegeln umfriedeter „Ort der Harmonie” mit einer verspielten Doppelstele im Zentrum. Oder wie eine aus stählernem Bachsteg und umgestürztem Getreidesilo mit lebendiger Kristallzucht im Innern bestehende Arbeit von Steiner/Lenzlinger.

    Nicht nur Platz für Kunst in der Natur: Ein Blick in Erwin Wortelkamps Ausstellungshalle
    Nicht nur Platz für Kunst in der Natur: Ein Blick in Erwin Wortelkamps Ausstellungshalle
    Foto: Sascha Ditscher

    Korrespondenz mit der Landschaft

    So verschieden die 50 Werke von fast ebenso vielen namhaften Künstlern sind, korrespondieren doch alle mit der Landschaft. Immer neue Blicklinien sind zu entdecken. Hier eine Parallelität zwischen Werk und Hügelkamm, da ein künstlerischer Nachvollzug des Talgefälles, dort eine Anlehnung oder Brechung von Weidezaun, Waldsaum, Lichtungsraum. Dies alles zu jeder Jahreszeit auf stets andere Weise Körper, Auge, Hirn und Herz bewegend. Im Wald am Talrand steht ein von Hanspeter Dementz entworfener Betonbau. Darin eine kleine permanente Ausstellung mit Fotos von August Sander – eine Hommage an den großen Westerwälder Fotokünstler, der sich schon vor einem Jahrhundert auf eigene Weise mit den Menschen dieser Landschaft befasste.

    1975 ließ sich Erwin Wortelkamp mit Familie in Hasselbach nieder. Er kaufte Grundstücke im Tal zusammen, lud ab 1986 Künstler und Landschaftsarchitekten ein zum „Dialog mit Kunst und Natur”. Drei Jahrzehnte währt dieser Gestaltungsprozess nun. Und ein Ende ist nicht absehbar. Zwar muss Wortelkamp kürzertreten, doch sein in Hasselbach aufgewachsener Sohn, der in Leipzig arbeitende Landschaftsarchitekt Kim Wortelkamp, wird sich weiter für dieses bemerkenswerte landschaftliche Gesamtkunstwerk „in progress” (in Arbeit) engagieren.

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