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    Staatstheater Wiesbaden im Jubelsturm: Siegfried 2.0 besiegt den Drachen online

    Wiesbaden. So viel Applaus und „Bravo!“-Rufe: Zweiter Tag von Richard Wagners „Ring“ wird in Wiesbaden zum umjubelten Sängerfest. Intendant Uwe-Eric Laufenberg bringt eine stolze Besetzung auf die Bühne.

    „Victory“ – „Sieg“: Siegfried (Andreas Schager) hat Fafner getötet. Oder an die Wand gesungen.
    „Victory“ – „Sieg“: Siegfried (Andreas Schager) hat Fafner getötet. Oder an die Wand gesungen.
    Foto: K. u. M. Forster

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Genau drei Mal hat man in Richard Wagners „Siegfried“ die Möglichkeit zu applaudieren – wie stets in den Musikdramen des Bayreuther Meisters ist alles strikt durchkomponiert, spontaner Szenenbeifall nicht vorgesehen. Und so gibt es auch in der Wiesbadener Premiere der Linzer Produktion von Intendant Uwe-Eric Laufenberg drei Schnittstellen, an denen sich die Zuschauer Luft machen können – und wie sie es tun. So viel Jubel und „Bravo!“-Rufe – bei einem Publikum, das Wagners Werke zu den Grundfesten des Spielplans im Hessischen Staatstheater zählen darf und gefühlt ohnehin mehr Ahnung hat als Sänger, Regisseure und Kritikerpack, will das schon etwas heißen.

    Was auf der Bühne passiert, ist nichts weniger als die Leistung eines Sängers in der Titelrolle, die mit den großen Vorbildern, ja allen auf Mitschnitten erhaltenen historischen Super-Siegfrieden mithalten kann. Andreas Schager heißt der neue Held – und ganz so neu ist er gar nicht mehr. Mit einem um ein L längeren Geburtsnamen – also als Andreas Schagerl – war der Tenor vor allem als Operettensänger präsent. Hohe Ansprüche an Textverständlichkeit und Durchschlagskraft, wie sie in der vermeintlich leichten Muse gefragt sind, sind bekanntlich eine gute Vorstufe für Wagner-Einsätze. René Kollo wäre hier Paradebeispiel, auch Rudolf Schock reüssierte auf beiden Seiten der Opern-Medaille.

    Schager überrascht in Titelrolle

    Nun aber: Andreas Schager. Derzeit das heißeste Eisen, das auf dem Wagner-Markt geschmiedet wird und auch schon einmal in Wiesbaden zu hören – in der vergleichsweise kurzen Rolle des Erik im „Fliegenden Holländer“. Ein Spaziergang im Vergleich zur Marathon-Rolle des Siegfried, in der Schager auch gleich überrascht: Siehe da, im ersten Akt kann er ja auch mal ein piano singen! Denn sonst lautet eine der ständig wiederkehrenden Kritiken an seinem Gesang: Ginge es denn nicht auch mal ein bisschen unterhalb des protzenden Dauerlaut?

    Und wie es geht! Obwohl: Im Moment ist der Tenor so im Vollbesitz aller stimmlichen Mittel, die Wagner dem jungen Siegfried abfordert, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Wer kann, der kann: Und es klingt nicht, als würde sich Schager damit wehtun.

    Schon in den ersten beiden Akten in Wiesbaden kann der Tenor auch darstellerisch viel zeigen: Jungsiegfried, der Sohn des Zwillingspaares Siegmund und Sieglinde, ist nach dem Tod seiner Eltern bei Zwerg Mime im Wald aufgewachsen. Oder, besser gesagt, irgendwo am Ende der Welt, die Inszenierung verortet wie immer großzügig in den Bezügen ins Überall. Siegfried, ein junger Mann von heute: Das haben auch schon andere Regisseure angelegt, wenige so konsequent wie Uwe-Eric Laufenberg. Der junge Held ist ein Digital native, als Ziehvater Mime nicht erklären kann, wie man aus dem Schwertschrott, den die sterbende Mutter hinterließ, das berühmte Nothung schmieden kann, schaut sich Siegfried eben rasch ein Tutorial im Internet an.

    Siegfried begegnet virutellen Welten

    Auch sonst erlebt man Siegfried 2.0: Der Kampf mit dem bösen Drachen Fafner ist ein virtueller – warum der gegnerische Spieler am Computer tatsächlich tot zusammenbricht, wie Siegfried (nicht ganz unwichtig für sein Ende wegen eines verflixten Feigenblattes) in Drachenblut gebadet haben soll: Mit solchen Stückkonventionen hält sich dieser „Ring“ der unbegrenzten Möglichkeiten nicht auf. In der Assoziationsfülle von Bühne, Video, Statistenauflauf und Kostümvielfalt ist irgendwo eine starke Inszenierung mit feiner, berührender Personenführung verborgen: Den Fokus muss man selbst ziehen, der Regisseur scheint seiner ureigensten Kunst wenig zu trauen, die er unter vielen Schichten vergräbt.

    Doch das ist an diesem Abend nur ein Nebenschauplatz – schließlich kann der Regisseur, in seinem Hauptberuf Intendant, sehr stolz sein, solch eine Besetzung versammelt zu haben. Matthäus Schmidlechner als Mime ist eine Wucht, Jukka Rasilainen als Wanderer eine großartige, sichere Bank, Thomas de Vries gibt als Alberich eine starke Vorstellung mit enormer Stimmkraft. Und dann kommt es zum Höhepunkt des Abends, wenn Siegfried – nach zweieinhalb kräftezehrenden Akten – auf die taufrische Brünnhilde trifft. Gerade diese darf sich Laufenberg als Aktivposten anrechnen: Sonja Gornik, im „Ring“-Durchlauf in Linz noch als Sieglinde beschäftigt, erfüllt das Upgrade zur ersten Wotanstochter mit Verve, strahlenden Höhen, starker Tiefe. Und, das muss man erwähnen, weil es eben so selten ist: Hier singt eine Sängerin, der man Jugend und erste Liebeswallungen abnimmt. So jugendlich unverstellt, frisch im Stimmklang und dabei so überzeugend – das erlebt man auch im abgeschlossenen und dadurch stets gut informierten Wagner-Kosmos sehr selten.

    Dirigat wird immer besser

    „Ring“-Debütant ist auch Alexander Joel am Pult des Orchesters des Hessischen Staatstheaters – und nach dem wackeligen „Rheingold“ und der weit wackereren „Walküre“ haben sich Dirigent und Klangkörper offenbar gefunden. Joel wagt ambitionierte Tempi, die fast immer gelingen, ist den Sängern ein guter Partner – und setzt individuelle Akzente. Und die letzten Minuten des Abends, das Jubelduett des Helden mit Brünnhilde, hat abgesehen von einem kurzen Aussetzer des Siegfried eine Qualität, die man gern als Aufnahme erhalten wüsste – vielleicht gönnt sich Wiesbaden ja eine solche Konserve. Es wäre eine schöne Erinnerung an einen „Ring“, in dem die Karrieren zweier Top-Wagnersänger als Siegfried und Brünnhilde in einem frühen Stadium festgehalten werden könnten.

    • Informationen unter www. staatstheater-wiesbaden.de

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