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  • Porträt Koblenzer Veranstalter und DJ Mani Tehrani über Subkultur im Iran und seine Verbindung zur deutschen Szene

    Mit Techno dem System trotzen: „Raving Iran“ gibt Einblick in verbotene Subkultur

    Koblenz. Was verbindet die Elektroszene des Irans mit der in Deutschland? Der Koblenzer Veranstalter und DJ Mani Tehrani ist gebürtiger Iraner. Eine Doku über die Subkultur seines Geburtslandes faszinierte ihn so sehr, dass der Film nun im Luxor zu sehen ist.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

    Den Beruf als Banker hat er schon vor Jahren an den Nagel gehängt. Denn seine Leidenschaft wog schwerer; er konnte nicht anders, als sie zum Beruf zu machen. Seitdem beginnt für Mani Tehrani die Arbeit, wenn andere schlafen. Zumindest am Wochenende. Dreimal im Monat tourt er durch verschiedene Elektroklubs und besucht Technofestivals, um selbst aufzulegen oder sich von anderen DJs musikalisch inspirieren zu lassen. Wenn sie gut sind und Tehrani bewegen, wird er sie vielleicht in seine Planungen einbeziehen. Denn Tehrani ist nicht nur als Musiker in der Szene zu Hause, er ist auch Veranstalter.

    Für ihn bedeutet elektronische Musik weit mehr als nur Party und Kommerz. Nach wie vor bündelt sich im Großgenre Techno für ihn die Kraft einer Freiheitsbewegung, einer Jugendrevolution – auch wenn die Hochzeiten wie etwa die der Loveparade schon viele Jahre zurückliegen. Wie wichtig dieses Element der Subkultur jedoch in anderen Ländern ist, fällt dem 31-Jährigen auf, wenn er in sein Geburtsland blickt – den Iran. Geboren wurde Tehrani in Teheran, seine Eltern verließen die Heimat wegen der politischen Situation, als er zweieinhalb Jahre alt war. Mit 15 besuchte Tehrani seine Großeltern das letzte Mal.

    Mani Tehrani
    Mani Tehrani

    Jetzt, sagt er, steht er an einem Punkt, an dem es für ihn wichtiger wird, seine Wurzeln zu erforschen. Die Brücke zwischen der deutschen und iranischen Kultur schlägt für ihn die elektronische Musik. Oder genauer gesagt ein Film über sie.

    Zentrum für Techno: Unter Tage wird wiedereröffnet

    Nicht nur als DJ und Förderer des deutsch-iranischen Kulturaustauschs tritt Mani Tehrani Ende April im Koblenzer Kulturleben in Erscheinung – eine Nachricht, die vor allem junge Elektronikmusikfans mehr als freuen dürfte, ist die Tatsache, dass Technomusik am 16. April eine feste Anlaufstelle in der Stadt zurückerhält: Das Unter Tage wird an diesem Abend, in dieser Nacht wiedereröffnet.

    Vor etwa einem Jahr wurde der Klub zugemacht, weil die Luft raus war, erklärt Tehrani rückblickend: „Dass wir als Team jedes Wochenende im Klub sein mussten, hat uns irgendwie geschlaucht. Da haben wir beschlossen, bevor wir es nicht mehr mit Herzblut machen, geben wir den Laden lieber ab.“

    Weil sich aber das neue Angebot im Unter Tage laut Tehrani nicht etablieren konnte, steht jetzt die Wiedereröffnung an. Er selbst wird als Programmchef die Veranstaltungen planen; die neuen Betreiber sollen künftig weiterhin als strategischer Partner mit im Boot sein, um das Tagesgeschäft zu gestalten.

    An der programmlichen Ausrichtung soll sich laut Tehrani künftig nichts ändern. Da er jedoch freiberuflich für das von Technogröße Sven Väth begründete Label Cocoon arbeitet, sagt er selbst, dass er in den vergangenen Monaten einen großen Einblick in die internationale Musikszene gewonnen hat. Das dürfte sich durchaus im Programm niederschlagen.

    Weitere Infos rund um die Wiedereröffnung des Klubs gibt es online auf der Facebook-Seite Unter Tage.

    Die Dokumentation „Raving Iran“ beleuchtet die Technokultur im Iran. Und ihre Bedeutung für die Jugend beziehungsweise die jungen Erwachsenen. Als Tehrani den Film zum ersten Mal sah, war ihm klar, dass er ihn in Koblenz zeigen muss: „Die Doku legt dar, wie viel Kraft in dieser Musikkultur steckt, und führt zurück zum Ursprung der Bewegung. Sie zeigt, wie Techno Menschen verbinden kann und wie sie in dieser Musik eine Nische finden, in der sie ihren Glauben an Freiheit und Selbstbestimmung feiern, anstatt aufzugeben.“

    Weil Klubs im Iran verboten sind, blüht die illegale Technoszene. In der Wüste werden Raves veranstaltet, die für Momente alle Repressionen des Staates vergessen lassen und den jungen Iranern zeitweilig das Gefühl geben, dass sich ihre Welt in der gleichen Geschwindigkeit dreht wie der des Westens. „Ich glaube, überall auf der Welt ist der Reiz des Verbotenen wirksam“, sagt Tehrani. „Weil der Altersdurchschnitt im Iran sehr niedrig ist, entfaltet die Subkultur auch noch einmal eine ganz andere Wirksamkeit. Mein Eindruck ist, dass in der jungen Bevölkerung eine große Kraft schlummert, Veränderungen herbeizuführen. Subkultur hat in dem Zusammenhang ja auch immer einen stark abgrenzenden Charakter, weil man sagt: Ich gehöre zu dieser freiheitlichen Szene, die Unterdrückung nicht zulässt. Deshalb ist die Bedeutung der Musik im Iran eine so wichtige.“

    Dass ähnliche Tendenzen auch in der deutschen Szene noch zu beobachten sind, mag für Außenstehende nicht sofort ersichtlich sein, Tehrani erkennt diese Überschneidungen aber sehr wohl: „Auch hier hat Techno noch revolutionären Charakter. In manchen Städten gibt es zum Beispiel Sperrstunden, die kreativ durch Untergrundevents umgangen werden. Oder im Berliner Berghain ist der Sonntag der am besten besuchte Tag. Das ist ein Statement, weil sich die Leute nicht vorschreiben lassen, wann sie feiern dürfen.“ Und auch in Sachen Qualität sind iranische DJs gleichauf mit europäischen und deutschen Größen, meint Tehrani. „Das musikalische Niveau, das im Film gezeigt wird, hat mich wirklich erstaunt. Ich hatte vermutet, weil es im Iran nur sehr eingeschränkt möglich ist, an gutes Equipment zu kommen, dass man das der Musik anhört. Tatsächlich ist der Sound aber sehr gut. Vielleicht weil die DJs umso mehr Herzblut und Augenmerk auf Klänge und Komposition legen.“ Also: Vielleicht Zeit für einen Blick über den kulturellen und musikalischen Tellerrand?

    • „Raving Iran“ von Susanne Meures ist am 30. April ab 20 Uhr im Luxor zu sehen – mit anschließender Aftershow-Party im Unter Tage.

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