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  • Anrechtskonzert in Koblenz: Ein Abend der großen und kleinen Seufzer

    Koblenz. Kulturbotschafter auf Besuch: Das NFM Philharmonische Orchester Wroclaw gastierte bei den Anrechtskonzerten des Musik-Institus-Koblenz mit Schwergewichten von Tschaiskowsky und Brahms. Zur Zugabe gab es sogar Tanzbares mit Doppelrahmstufe.

    Unaufgeregt im Brahms-Koloss: Pianist Alexei Volodin Foto: Borggreve
    Unaufgeregt im Brahms-Koloss: Pianist Alexei Volodin
    Foto: Borggreve

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Endlich einmal wieder harmonische und versöhnliche Töne aus Polen, mag der eine oder andere Besucher des Anrechtskonzerts gedacht haben. Zu Gast war in der nahezu ausverkauften Rhein-Mosel-Halle das NFM Philharmonische Orchester Wroclaw. Die niederschlesische Metropole hat den groß besetzten Klangkörper als Kulturbotschafter quer durch Europa geschickt, der Anlass: Das einstige Breslau ist eine der beiden Kulturhauptstädte Europas in diesem Jahr. Die Verbindung nach Koblenz hat mit dem Komponisten Max Bruch, der hier wie dort Musikdirektor war, alte Wurzeln, aber auch aktuelle: In Wroclaw ist Daniel Raiskin ein gern gesehener Gastdirigent - in Koblenz endet bekanntlich mit dieser Spielzeit seine Tätigkeit als Chefdirigent der Rheinischen Philharmonie.

    Gegen Ende der Tournee

    Das Koblenzer Konzert stand beinahe am Ende der umfangreichen Tournee, was bei der Aufführung aber keineswegs dominant in Form nachlassender Kondition anzumerken war: Überhaupt handelt es sich bei dem Gastorchester um einen offensichtlich sehr disziplinierten Klangkörper. Disziplin, die auf jeden Fall hilfreich ist, wenn man mit zwei derart gewichtigen Werken tourt: Johannes Brahms' zweites Klavierkonzert ist schon ein Kosmos für sich, sprengte zur Entstehungszeit den gewohnten Rahmen des Solokonzerts weit auf. Dazu gestellt noch die fünfte Sinfonie Peter I. Tschaikowskis: Da wird Haushalten mit Kräften, das Denken in langen Bögen und großen Dimensionen durchaus zum Thema.

    Tugenden, die dem russischen Pianisten Alexei Volodin offenbar gut vertraut sind, denn im zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms ist eben auch eine solche Einteilung der Kräfte gefragt, wenn das vertrackt schwierige, gewaltige und fallenreiche Werk nicht nach schwerer Arbeit klingen soll. Und das tat es bei Volodin in keinem Moment: Wie er sich auf das Orchester einlässt, das von Brahms so traumwandlerisch erdachte Hinein- und Hinausgleiten des Pianistenparts in das Gesamtgefüge hineinwebt, ist geprägt von unaufdringlichem Selbstbewusstsein, ohne sich jemals in den Vordergrund drängen zu müssen. Das Spüren einer unanfechtbaren Virtuosität, die nicht mit Heldenbrust vor sich hergetragen werden muss: Ein hohes Gut in diesem Stück. Verstörend kann da allein der Hang Volodins zum starken Pedaleinsatz wirken: Er erzielt großen Klangwände, muss dabei naturgemäß aber einiges an Durchhörbarkeit opfern.

    Dirigent Daniel Raiskin dirigiert das Werk, das er mit Volodin und der Rheinischen und schon einmal vor einigen Jahren in Koblenz und über die Jahren mit vielen Orchestern an vielen Orten vorgestellt hat, sehr entspannt, dabei aber mit energischen Tempoausdeutungen und -Gegensätzen, die letztlich aber stets realisierbar für die Musiker und somit als Interpretation stimmig bleiben: großer Jubel vom hochkonzentrierten Publikum.

    Abend fallender Tonleitern

    Dann Tschaikowskis fünfte Sinfonie, die ebenso über klare Sicht auf die leicht verloren gehenden Dimensionen verlangt. Das berühmte Schicksalsmotiv, das gleich zu Beginn vorgestellt wird und die ganze Sinfonie durchwirkt, schlägt den Bogen zum ersten Teil des Konzerts, zu Brahms zweiten Klavierkonzert und der Zugabe aus den späten Klavierwerken Brahms': die fallende Tonleiter. Was ist nicht alles spekuliert worden über deren Bedeutungen - nicht falsch liegt man hier wie da, und vor allem immer wieder bei Tschaikowski, mit der Deutung aneinander gereihter Seufzer-Intervalle.

    Seufzen en gros und en detail: Das lässt sich mit dieser reifen Sinfonie von 1888 hervorragend - und Daniel Raiskin und sein Orchester lassen keine Gelegenheit ungenutzt. Tschaikowski spaltete die Kritiker seiner Zeit, häufig wurde ihm Effektheischerei vorgeworfen - ein Verdikt, das eigentlich nur zum Zug kommen kann, wenn man die Musik überzuckert, zu stark auf das große Gefühl setzt. In dieser Hinsicht ist Daniel Raiskin, das wissen seine treuen Konzertbesucher, eher unverdächtig. An diesem Abend jedoch greift er mehr als gewohnt in die Vollen, erreicht große Dynamik-Ausrufezeichen schon recht früh - und dann folgt noch eine rechte Strecke, die eigentlich noch weitere Steigerungen verlangen könnte. Es sind dies auch die Minuten des Konzertes, in denen die Musiker bis an oder sogar leicht über die Grenzen hinaus getrieben wirken - was dem Effekt der Sinfonie und ihrer Wirkung im Saal keinen großen Abbruch tut.

    Auch mit Gastorchester setzt Daniel Raiskin selbst nach einem solchen Konzertabschluss auf eine Zugabe - und stellt der fünften Sinfonie Tschaikowskys die Intrada, einen Pas de deux aus der "Nussknacker"-Ballettmusik, zur Seite. Noch einmal eine eigentlich ganz simple, fallende Tonleiter als Ursprung tiefsten Sehnens und Empfindens, serviert vom nicht mehr ganz konzentriert spielenden Orchester aus Wroclaw: Doppelrahmstufe zum Dessert, das bekommt und gönnt man sich schließlich auch nicht alle Tage.

    Beim nächsten Anrechtskonzert am 11. März stehen Werke von Charles Ives, Samuel Barber sowie die Orgelsinfonie von Camille Saint-Saëns auf dem Programm. Infos unter www.musk-institut-koblenz.de

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