40.000
  • Startseite
  • » Kultur
  • » Bühne
  • » Musicaldarsteller Adrian Becker im RZ-Interview: "Am Anfang sollte immer Liebe stehen"
  • Musicaldarsteller Adrian Becker im RZ-Interview: "Am Anfang sollte immer Liebe stehen"

    Koblenz. Wenn in den vergangenen Jahren auf einer Produktion des Koblenzer Theaters "Musical" stand - dann war meist Adrian Becker drin. Folgerichtig, dass das Theater für seine Neujahrskonzerte mit nächstjährigem Motto "Musical" Becker eingeladen hat. Im RZ-Interview erzählt über das Musical im Allgemeinen und seine Karriere im Besonderen.

    Adrian Becker tritt bei den Neujahrskonzerten des Theaters Koblenz in Koblenz, Neuwied, Boppard und Mayen auf.
    Adrian Becker tritt bei den Neujahrskonzerten des Theaters Koblenz in Koblenz, Neuwied, Boppard und Mayen auf.

    Ob unter anderem "Rocky Horror Show", "Cabaret", "Moulin Rouge Story", "West Side Story" oder "Cats": Der Musicaldarsteller Adrian Becker deckt ein breites Rollenspektrum mit enormer Bühnenpräsenz und großer stimmlicher Flexibilität ab. Neben der bezaubernden Sopranistin Monika Staszak wird als Sänger der nächstjährigen Neujahrskonzerte wieder auf der Bühne stehen. Wir sprachen mit ihm über das Musical im Allgemeinen und seine Karriere im Besonderen.

     

    Lieber Herr Becker, in Koblenz sind Sie "Mr. Musical", das Publikum weiß, dass Sie singen, schauspielern und tanzen können, ob auf Katzenpfötchen, in Lederstiefeln oder auf High Heels. Und das mit staatlicher Anerkennung: Sie sind sogar Diplom-Musicaldarsteller. Ein sehr deutscher Abschluss für ein sehr internationales Genre - mögen Sie kurz erzählen, was die Ausbildung, die Sie genossen haben, von denen an den zahlreichen Musicalschulen heute unterscheidet?

    Ich bin "Mr. Musical"? Toll! Darf ich das auf einer Schärpe haben? Ich glaube, die heutige Ausbildung unterscheidet sich gar nicht so sehr von meiner. Letztlich zählt das Talent des Studenten und was er daraus macht. Ich habe meine Ausbildung an der Universität der Künste in Berlin gemacht. Studenten, die die Aufnahmeprüfung an einer staatlichen Schule schaffen, haben das Glück, vier Jahre auf Staatskosten studieren zu dürfen. Luxus! Studenten, die an privaten Schulen angenommen werden, müssen dafür selbst zahlen. Das bringt mit sich, dass die Ausbildung meist kürzer ist und die Studenten oftmals nebenbei auch die Studiengebühr verdienen müssen und somit zeitlich eingeschränkter sind. Später auf dem Markt interessiert es allerdings überhaupt nicht, wo die Ausbildung gemacht wurde, sondern nur, wie gut der Absolvent ist - und das hat mit Talent, Fleiß, Glück und Ausdauer zu tun.

    Es soll Menschen geben, die zwar gern ins Theater gehen, beim Begriff "Musical" aber die Augenbrauen hochziehen. Ärgert Sie das?

    Nein, das ärgert mich überhaupt nicht. Die Geschmäcker sind verschieden, und das Schöne an deutschen Stadttheatern ist ja, dass sich der Zuschauer aus drei unterschiedlichen Sparten (Musiktheater, Schauspiel, Tanz) seine Perlen aussuchen kann. In Koblenz hat es Markus Dietze sogar geschafft, mit dem "Puppentheater" eine vierte Sparte zu schaffen. Diese Vielfalt ist ein Geschenk an das Publikum. Schade, aber nicht ärgerlich finde ich eine kompromisslose Einstellung: "Musical? Da gehe ich nicht hin." Ich versuche in meinem Leben immer über den Tellerrand hinauszuschauen, um meinen Horizont zu erweitern. Dazu gehört auch, dass ich mir Produktionen anschaue, die auf den ersten Blick nicht meinem Geschmack entsprechen. Da fällt man auch mal auf die Nase und erlebt einen blöden Abend, aber dazugelernt habe ich bisher immer.

    Sie sind in den 70er- und 80er-Jahren im Saarland groß geworden - können Sie sich an Ihren ersten Musicalkontakt erinnern?

    Ich in den 70ern? Aber das kann doch gar nicht sein! Das erste Musical, das ich als Zuschauer gesehen habe, war die Broadway-Tourproduktion von "Hair" in der Stadthalle der saarländischen Musicalmetropole Dillingen. Ich war völlig aus dem Häuschen, und als die Darsteller bei "Let the Sunshine In" ins Publikum kamen, habe ich mich in alle verliebt! In alle! So ging es los. Am Anfang sollte immer Liebe stehen.

    Das Neujahrskonzert dreht sich ums "klassische" Musical - wie würden Sie die Unterschiede definieren zu den aktuellen Musicals, die in speziellen Musicaltheatern in Dauerschleife laufen?

    Die Beschreibung "Musical" ist ja nur ein Oberbegriff für ganz unterschiedliche Formen des Musiktheaters. Nur ein paar Beispiele: klassisches Musical ("Kiss me, Kate"), Drama-Musical ("Phantom der Oper"), Filmmusical ("Dirty Dancing"), Rock-Musical ("Jesus Christ Superstar") und eben auch das in Deutschland inzwischen sehr beliebte Jukebox-Musical wie zum Beispiel "Mamma Mia!", "Ich war noch niemals in NY", "Hinterm Horizont", "We Will Rock You" und so weiter. Die Produzenten solcher Shows müssen Geld verdienen. Zu Beginn des deutschen Musicalhypes in den 80er-Jahren wollten die Zuschauer singende Katzen auf Müllkippen sehen und liebeskranke Phantome, die der Opern-Soubrette hinterherlaufen. In den letzten Jahren hat sich der Geschmack zu den von Ihnen angesprochenen Jukebox-Musicals oder, wie man sie auch nennt, Compilation-Shows verändert. Das mag sicher auch daran liegen, dass diese Shows sich leichter vermarkten und verkaufen lassen. Da ist man auf der sicheren Seite: Die Zuschauer kennen bereits die Musik und wissen: Heute Abend gehen wir in das ABBA-Musical "Mamma Mia!" und können im Prinzip jeden Song mitsingen. Aber Achtung: Bitte nicht mitsingen! Wir haben das so schön für Sie geübt, und ich bin mir sicher, dass der Zuschauer, der vor Ihnen sitzt, das genauso sieht.

    Sie haben in Stuttgart in der originalen "Cats"-Produktion mitgespielt, aber auch in der völlig anderen Inszenierung von Intendant Markus Dietze in Koblenz. Können Sie verstehen, wenn Zuschauer immer genau das sehen wollen, was sie vom Original her kennen und eigentlich auf der ganzen Welt genau gleich erleben können? Was ist reizvoller: Sich ganz auf die engen Vorgaben einer bestehenden Produktion einzulassen, oder eine Rolle ganz neu zu hinterfragen und anders darzustellen?

    Das kann ich gut verstehen. Ich kann mich an meine erste Pizza erinnern. Seit dieser Geschmacksexplosion will ich sie immer wieder haben. Aber doch bitte mit unterschiedlichen Belägen und von unterschiedlichen Bäckern! Ich mache das ja jetzt schon ein paar Jahre. Zu Beginn meiner Karriere habe ich viele solcher Shows gespielt, die ihre Premiere bereits vor etlichen Jahren in New York oder London hatten und die weltweit genau so nachgespielt werden müssen. Das macht auch für eine gewisse Zeit Spaß. Hier liegt die Kunst darin, jeden Abend eine neue Motivation zu finden und jeder Vorstellung eine eigene Note zu geben. Klappt leider nicht immer. Für mich persönlich reizvoller ist allerdings, die Rolle selbst zu entwickeln, meine darstellerischen Möglichkeiten und meine Kreativität einzubringen.

    In großen und sehr aufwendigen Produktionen habe ich manchmal das Gefühl, dass der einzelne Darsteller hinter dem Uhrwerk der Produktion zurücksteht - als ob es eher darauf ankäme, ein immer gleiches Produkt herzustellen, in dem der Einzelne austauschbar scheint. Können Sie das nachvollziehen, und falls ja: Ist das für einen Darsteller nicht ein wenig langweilig?

    Stinkpupslangweilig! Hier ist die Show der Star, nicht die Menschen dahinter. Aber verstehen kann ich es trotzdem. Das diente jahrelang einerseits der Qualitätssicherung, andererseits aber auch der Altersversorgung von Produzenten und Kreativteams.

    Sie kennen beide Seiten: Die große En-suite-Produktion mit furchtbar vielen Vorstellungen pro Woche, aber auch den Stadttheaterbetrieb mit seinem wechselnden Spielplan, den anderen Produktionsbedingungen eines Mehrspartenhauses, wo das Musical nur eine Produktion unter vielen ist. Das klingt nach Vor- und Nachteilen - wo fühlen Sie sich wohler?

    Der Mix macht's. Ich habe gelernt, dass ich En-suite-Produktionen maximal für ein Jahr spielen kann. Dann brauche ich eine neue Herausforderung oder einen langen Urlaub. Wenn ich das Glück habe, es mir wie in den vergangenen Jahren aussuchen zu können, ziehe ich ganz entschieden den Stadttheaterbetrieb vor.

    Nochmal zurück zum "klassischen" Musical, bitte. Man hört immer wieder das Urteil: "Ja, früher, das waren tolle Musicals mit vielen Melodien und tollen Rollen. Heute ist das alles so beliebig und so ein Musicaleinheitsbrei…" Können Sie diesen Eindruck nachvollziehen - oder liegt das einfach an mangelnder Kenntnis der Szene?

    Ich denke wirklich, dass viele Zuschauer bei dem Wort "Musical" sofort an "Phantom der Oper", "Starlight Express" und "Cats" denken, weil das auch die ersten großen Shows waren, die in Deutschland gespielt wurden. Das mag etwas von Einheitsbrei haben, zumal diese Shows alle von Andrew Lloyd Webber komponiert sind. Aber wenn Sie dagegen etwa "Sweeney Todd", "Kuss der Spinnenfrau", "Les Miserables" oder "We Will Rock You" betrachten, sind diese Shows so unterschiedlich, dass ich eine große Vielfalt sehe.

    Anschließend vielleicht: Welche neuen Musicals finden Sie ganz prima - und würden sich wünschen, dass diese mehr gespielt werden?

    Ich habe es leider noch nicht gesehen, aber der aktuelle Broadway-Hit "Hamilton" soll großartig sein. Da ist etwas Neues entstanden. Ein Rap-Musical in historischen Kostümen, das die Geschichte des Gründervaters Alexander Hamilton erzählt. Mit Rapmusik! Macht mich sehr neugierig. Ob diese Show allerdings in Deutschland erfolgreich wäre, wage ich zu bezweifeln.

    Was die meisten wohl nicht wissen: Sie hätten in Koblenz beinahe Ihr Operndebüt gegeben. Wer Ihre Bassstimme in "Comedian Harmonists" gehört hat, wird nicht daran zweifeln, dass Sie den Frostgeist in Purcells "King Arthur" sehr gut hätten übernehmen können - woran ist Ihr Einsatz gescheitert? Und steht ein Einsatz auf der Opernbühne noch auf Ihrer Wunschliste, oder lässt sich das Umwechseln von Musicalgesang, der sich optimal auf elektrische Verstärkung einstellen muss, zum unverstärkten Operngesang über ein Orchester hinweg vielleicht gar nicht so gut vereinbaren?

    Sie sind aber gut informiert. Das stimmt wirklich. Annegret Ritzel, die damalige Intendantin, hatte mich für ihre "King Arthur"-Inszenierung engagiert. Meine Arien hatte ich bereits gelernt und saß im Prinzip auf gepackten Koffern, abreisebereit für den Probenbeginn in Koblenz. Dann kam der berühmte Anruf, der das Leben eines Künstlers von einer Sekunde auf die andere verändern kann. Einige Wochen zuvor hatte ich im Berliner Friedrichstadtpalast ein Vorsingen für die Welturaufführung der Revue "Casanova". Und in diesem Anruf bot man mir die gleichnamige Titelrolle an. Bingo! Leider überschnitten sich die Zeiten mit dem Engagement in Koblenz, sodass ich mich entscheiden musste. Annegret Ritzel war so nett, mich aus dem Vertrag zu lassen, was den Vorteil hatte, dass ich den "Casanova" im Friedrichstadtpalast spielen durfte, aber den Nachteil, dass mein Operndebüt in Koblenz noch aussteht. Ich sage allerdings immer: "Schuster, bleib bei deinen Leisten." Ich bin zwar ein Sänger, der auch (unverstärkt) über ein Orchester singen kann, aber für den klassischen Gesang, der bei der Oper erwartet wird, braucht es mehr als Lautstärke. Was ich allerdings sehr spannend finde, sind genreübergreifende Arbeiten. Ich habe mal die "Zauberflöte" in einer Inszenierung von George Tabori gesehen. Mit Gitte Haenning als Papagena und André Eisermann als Papageno. Herrlich furchtbar! Für so etwas bin ich ja immer zu haben.

    Wie haben Sie es eigentlich mit Ihrer Wendigkeit, dem Tanztalent und Aussehen geschafft, nie für die Operette engagiert zu werden? Keine Lust - oder sehen die Intendanten Sie eben voll und ganz als Musicaldarsteller?

    Das frage ich mich auch. Allerdings gibt es diesen neuen Operettenhype ja erst seit zwei bis drei Jahren, und da hatte ich bisher noch keine Zeit. Ich finde Operetten ganz zauberhaft. Allerdings bitte keine 50er-Jahre-Schunkelromantik, sondern frische Ideen. Barrie Kosky von der Komischen Oper in Berlin hat gezeigt, dass das geht und sich auch verkaufen lässt. Übrigens auch bei einem jungen Publikum! Let's rock the "Vogelhändler"!

    Interessanterweise hat man Ihnen schon ziemlich früh große Charakterrollen zugetraut, die den großen Vorteil haben, nicht auf junge Darsteller festgelegt zu sein und einen ein ganzes Bühnenleben lang begleiten zu können. Wie lange, glauben Sie heute, haben Sie noch Lust auf "Casanova" einerseits und Zaza im "Käfig voller Narren" andererseits? Und: Ist der Jugendwahn im Musical ähnlich ausgeprägt wie im Schauspiel - oder eher etwas flexibler, wie man es mit Fokus auf Stimme eventuell in der Oper erlebt?

    Jugendwahn? Da hab ich nix mit zu tun. Ich bin seit vielen Jahren 38 und weiß überhaupt nicht, was das Problem sein soll. Dass ich schon sehr junge Rollen wie Ebenezer Scrooge, Richter Turpin oder eben auch Casanova oder Zaza gespielt habe, liegt sicher an meiner Stimmfarbe. Ich bin ein Bassbariton. Jugendliche Liebhaber sind im Musical in der Regel Tenöre, und Charakterrollen brauchen meist tiefere Stimmen. Insofern: Meine Zeit kommt erst noch!

    Wenn man sieht, wie Sie sich in jede Rolle werfen, glaubt man Ihnen gern Ihre Aussage, dass immer die Rolle, die Sie gerade spielen, die Lieblingsrolle ist. Trotzdem die Frage: Welche Musicalrolle würden Sie gern einmal spielen, und es hat Sie leider noch niemand danach gefragt?

    Das wären Javert aus "Les Miserables", Hedwig aus "Hedwig and the Angry inch", Gomez Addams aus "Addams Family", Mackie Messer aus der "Dreigroschenoper" und Norma Desmond aus "Sunset Boulevard". Die Reihenfolge ist mir aber egal.

    Sie sind schon so lange Berliner, dass man die Vorsilbe "Wahl-" weglassen kann. Von außen gesehen ist die Hauptstadt ein Kulturtraum: Friedrichstadtpalast, Komische Oper, Deutsche- und Staatsoper, Schauspielbühnen en masse, Off-Theater und die Off-off-Szene … Wenn man Ihren Terminkalender sieht, kann man eigentlich davon ausgehen, dass Sie kaum Zeit haben, dieses Angebot auch mal als ganz normaler Zuschauer zu erleben. Trotzdem die Bitte: Haben Sie einen Geheimtipp für Berlintouristen abseits der genannten großen Kulturflagschiffe?

    Sie schätzen das völlig richtig ein. Ich komme in Berlin viel zu selten dazu, ins Theater zu gehen. Geheimtipps habe ich nicht wirklich, weil sich das in Berlin auch immer so schnell verändert. Was ich den Musiktheater-Nerds immer empfehlen kann, ist die Neuköllner Oper. Dort passiert Neues. Vielleicht kann sich der eine oder andere Koblenzer noch an die "Bordellballade" erinnern. Das war beispielsweise eine Co-Produktion mit der Neuköllner Oper. Außerdem finde ich René Pollesch toll. Ich verstehe zwar überhaupt nix, weil ich intellektuell völlig überfordert bin, aber ich erlebe einen tollen Abend. Den Sprechtheater-Nerds würde ich einen Besuch eines Pollesch-Abends in der Volksbühne empfehlen. Anschließend auf ein Kaltgetränk in die Kantine, und wenn sich die Situation ergibt und man sicher ist, dass man den Schauspielern nicht auf die Nerven geht (!), würde ich dort vor Ort die Kollegen fragen, was man sich denn gerade in Berlin ansehen sollte. Das ist mein Tipp! Die wissen das am besten und lassen sich mit Bier oder Weißwein bestechen!

    Die Fragen stellte Claus Ambrosius

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!