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  • Kommentar: Kriminalität lauert auch im Kühlschrank

    Internetkonzerne denken in Milliarden, da wirkt ein Schaden von 40 Millionen, wie ihn das Bundeskriminalamt 2015 unter "Cyberkriminalität" verbuchte, wie Peanuts. In der Tat scheinen die lustigen Pokémon-Spielchen, die harmlosen Chats und die bequemen Shops auf den Smartphones unendlich weit weg zu liegen von den dunklen Gassen in Bahnhofsnähe, in denen früher die Kriminalität zu Hause war.

    Gregor Mayntz
    Gregor Mayntz

    Gregor Mayntz zur wachsenden Cyberkriminalität im Alltag

    Genau das ist jedoch der Grund, warum sich die Kriminalität im Netz immer häuslicher, trickreicher und gefährlicher einrichtet. Viele merken es nicht einmal, dass ihre Rechner gekapert und ihre Handys nach Passwörtern und Bankzugangsdaten ausspioniert werden. Und so sind die 40 Millionen, die das BKA nun errechnete, nur ein winziger Teil des tatsächlichen Schadens.

    Immer mehr Nutzer machen die Bekanntschaft mit Interneterpressern, die den Zugriff auf unersetzliche Dokumente und Bilder unterbinden und damit drohen, diese zu löschen, wenn das Opfer nicht zahlt. Manche starten sogar auf dem gekaperten Bildschirm einen Countdown bis zum Exitus des kostbaren Digitalbesitzes, um den Druck zu erhöhen. Nach einer Umfrage haben 33 Prozent der betroffenen Menschen das Lösegeld gezahlt, würden 38 Prozent im Durchschnitt 200 Euro aufbringen, um ihre Daten wiederzubekommen. Kein Wunder, dass diese verlockende Geldquelle so viele Täter anlockt, dass auch die organisierte Kriminalität (OK) online geht.

    Vor drei Jahren zählte das BKA noch sechs OK-Banden, 2015 schon 22. Die Zahlen potenzieller Opfer und Gelegenheiten sind in den letzten Jahren explodiert. Inzwischen nutzen mehr als 44 Millionen Jugendliche und Erwachsene in Deutschland ein Smartphone oder Tablet. Da dürften die Meldungen von täglich rund 60 000 registrierten Infektionen noch tief gegriffen sein. Zumal sich das Potenzial immer noch rasant ausbreitet. Die leistungsstarken Spielekonsolen können von Kriminellen spielend leicht geentert werden. BKA-Präsident Holger Münch berichtete sogar davon, dass sich in einem Netz mit von Kriminellen ferngesteuerten Endgeräten ein Kühlschrank befand.

    Spätestens nach dieser Entdeckung müsste es der digitalen Generation kalt den Rücken hinunter laufen: Wer per App aus der Ferne seine Rolladen, seine Geräte und sein Licht bedienen kann, der weiß nun, dass Einbrecherbanden das auch können. Wie sehr das Internet zum digitalen Schutzmantel für analoge Verbrechen geworden ist, hat der Amoklauf von München gezeigt. Die Tatwaffe kam aus dem verborgenen Darknet, wo auch Rauschgift und kriminelle Handlungen verkauft werden.

    Die Marktmacht der Verbraucher kann dafür sorgen, dass die Anbieter noch sensibler mit digitalen Schutzlücken umgehen. Die Politik muss dafür sorgen, dass Fahnder und Strafverfolger auf Augenhöhe der Digitalverbrecher agieren. Und ganz besonders: Wachsamer werden. Die Kriminalität lauert nicht mehr nur nachts im Bahnhofsviertel. Sondern rund um die Uhr im Kühlschrank.

    E-Mail: gregor.mayntz@rhein-zeitung.net

    Im Netz der Waffenhändler: Wie Kriminelle das Darknet als Plattform nutzenSchaden in Milliardenhöhe: Kriminalität im Internet wächst rasant