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    Berlinale II: Wenn Kitsch und Moral mit Politik verwechselt wird

    Unser Filmkolumnist Wolfgang M. Schmitt begleitet exklusiv für Sie das Festivalgeschehen in den zahlreichen großen und kleinen Kinosälen der Hauptstadt.

    Von unserem Filmkolumnisten Wolfgang M. Schmitt

    Boris sans Béatrice: Die bösen Männer

    Die Berlinale möchte - ihr Leiter Dieter Kosslick hat dies ausdrücklich betont - das weltweit politischste Filmfestival sein, doch sie hat keinen ernst zu nehmenden Begriff vom Politischen, sondern nur eine Kindergartenmoral. So kommt es, dass viele der ausgewählten Filme die Welt einfach in Gut und Böse einteilen. Nirgends ist das besser kopfschüttelnd zu bestaunen als in dem kanadischen Beitrag "Boris sans Béatrice" von Denis Côté, dessen peinliche Botschaft man kaum auszusprechen wagt: Erfolgreiche Männer sind schlechte Menschen! Ihretwegen zerbrechen Familien, fallen Ehefrauen in tiefe Depressionen und läuft in Gesellschaft und Politik so viel schief.

    Sie sind skrupellose Egoisten, die im Nebenzimmer ihre Frau betrügen. Der Prototyp dieser gefährlichen Spezies ist Boris, den der Film mit allen negativen Attributen ausstattet, die ein Mann haben kann. Seine Familie, seine Affären und ganz Québec sind die Leidtragenden. Deshalb bekommt Boris eines Tages Besuch vom Tod persönlich, der ihn auffordert, auf den rechten Weg zurückzukehren. Und als Boris sich mit seiner Tochter versöhnt, reumütig zur Gattin zurückkehrt und verspricht, ein besserer Mensch zu werden, geht es allen wieder prima. Diese billige und irrige Kopie von Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" dürfte - hoffentlich! - der blödeste Film der Berlinale sein, denn so platt wie er ist, so widersinnig ist seine Bildsprache, die nämlich in jenem Luxus schwelgt, den er eigentlich kritisieren möchte. Prädikat: Québec ist nicht Salzburg

    Mahana: Schnulze aus Neuseeland

    Berlinale-Filme kennen noch eine andere Methode, um sich mit politischen Inhalten auseinanderzusetzen. Diese Methode heißt Kitsch. Man lullt dabei den Zuschauer mit einer schmalzigen Ästhetik ein und untermalt diese mit schnulzigen Melodien, die einem in jeder Minute ins Ohr summen, was man gerade fühlen und - wenn überhaupt - denken soll. Solche Schmachtfetzen behandeln dann bierernste gesellschaftspolitische Themen. Der neuseeländische Film "Mahana" von Lee Tamahori ist ein solcher Problemfilm mit viel Zuckerguss.

    Er zeigt in abgedroschenen, kein Klischee auslassenden Bildern zwei verfeindete Maori-Familien an der Ostküste Neuseelands während der 1960er-Jahre, die sich erbittert bekriegen. Es geht darüber hinaus um sexuelle Gewalt, das Patriarchat, den Generationenkonflikt und den Kolonialismus. Doch er findet für all das keine angemessenen filmischen Mittel, vielmehr wirkt es, als wohne man einem ewigen Landgang vom ZDF-Traumschiff bei, bei dem man mit einem exotischen Blick auf die Maori schaut. Prädikat: Triefender Kitsch!

    L’avenir: Französischer Autorenfilm

    Eine rühmliche Ausnahme in diesem möchtegern-politischen Allerlei bildet der Film "L’avenir" der Französin Mia Hansen-Løve. Seit nunmehr über einem halben Jahrhundert setzt das französische Kino Maßstäbe, wenn es um politische Filme geht. Die Regisseurin Hansen-Løve reiht sich mühelos in diese ehrwürdige Tradition ein und fügt ihr zugleich eine ungeahnte Komik hinzu. Sie porträtiert in ihrem Werk eine etwa 60-jährige Philosophielehrerin aus dem bildungsbürgerlichen Establishment, die einst in ihrer wilden Studentenzeit Kommunistin war. Die Zeit des politischen Handelns sei vorüber, glaubt sie. Doch sie muss erleben, wie ihr ehemaliger Musterschüler ihren Kampf von damals mit neuen Mitteln fortsetzt. In ihm vergegenwärtigt sich ihre Vergangenheit.

    Ungeheuer nuanciert spielt die große Isabell Huppert diese Frau, die noch einmal neu beginnen will und sich dabei eingestehen muss, dass sie die Ideale der 68er höchstens noch im Privaten lebt und recht bequem geworden ist. Doch auch sie bekommt die heutige neoliberale Ideologie zu spüren: Ihre Bücher über Philosophen seien zu kompliziert und überhaupt, meint ihre Verlegerin, interessiere die Frankfurter Schule keinen mehr. Diese Frau will zwar nicht mehr zu einem revolutionären Akt übergehen, aber ihr früherer Schüler, der sich theoretisch wie praktisch für eine alternative Gesellschaft engagiert, imponiert ihr. Für sie ist es zu spät, sagt der großartige Film. Für ihn (und uns) jedoch nicht. Prädikat: Intellektuell und hochpolitisch

    Berlinale VII: Engagierte Filme, viele Promis und der Wirbel um den Acht-Stunden-Film von Lav Diaz Berlinale VI: Dichterlesungen, Kommunen-Nostalgie und Cyberkriege Berlinale V: Bertolt Brecht goes Musical und der Zuschauer in die dunkle Nacht Berlinale IV: Filmkritiker verlassen fluchtartig den Saal Berlinale III: Überzeugende Beiträge aus Deutschland und Frankreich weitere Links
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