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    BerlinBerlinale I: Esoterische Pseudokunst trifft auf durchdachte Schönheit

    Unser Filmkolumnist Wolfgang M. Schmitt begleitet exklusiv das Festivalgeschehen in den Kinosälen der Hauptstadt.

    Lily Lane: Die Asche ihrer Mutter

    Mit "Hail, Caesar!", dem Eröffnungsfilm der Berlinale, feierten die Regie-Brüder Ethan und Joel Coen das Kino als einen Ort der Unterhaltung. Dass das Kino für den Zuschauer aber auch ein qualvoller Ort sein kann, beweist das Drama "Lily Lane" von Bence Fliegauf. Der ungarische Beitrag ist ein typischer Festivalfilm, insofern er mit aller Gewalt künstlerisch innovativ sein will und man ihm die Bemühung darum in jeder Szene anmerkt. Da werden beispielsweise die naturalistischen Aufnahmen mit belangloser Videokunst durchsetzt, um zu verschleiern, wie simpel die umständlich erzählte Story eigentlich ist. Ratlos und zunehmend verärgert sitzt man vor diesen Bildern, die der Regisseur nicht mit Inhalten zu füllen weiß. Erzählt wird die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die ihrem Sohn die Trennung von seinem Vater und den Tod seiner Großmutter mit den Mitteln des Märchens erklären möchte. Doch diese an sich nicht uninteressante Idee bleibt im Ansatz stecken, und die Kamera nimmt einen mit auf eine esoterische Irrfahrt mit der Asche der Oma im Gepäck, bei der die Mutter überwiegend spiritistischen Unsinn von sich gibt und zum Schluss gemeinsam mit ihrem Sohn die Asche der Großmutter unter großen, alten Bäumen vergräbt. Man mag von Erdbestattungen halten, was man will: Immerhin haben sie den Vorteil, dass einem solche Filme erspart bleiben. Prädikat: Esoterische Pseudokunst.

    Hee: Japanische Langeweile

    Die japanische Produktion "Hee" von Kaori Momoi verarbeitet einen Kriminalfall und ein Trauma. Die Hauptfigur ist eine ehemalige Prostituierte, die ihrem Psychotherapeuten von ihrem bewegten Leben berichtet und damit zugleich eine Art Aussage zu einem Mordfall macht. Wie sehr ein therapeutisches Gespräch und ein polizeiliches Verhör sich ähneln können, ist eine spannende Thematik, zu der der Film jedoch leider nichts Kluges zu sagen hat. Lieber wiederholt er fortwährend konventionelle Einstellungen und lässt seine Hauptfigur ohne Punkt und Komma schwadronieren, bis der Therapeut und die Zuschauer vollends verwirrt sind. Das Kino wird hier zu einer psychoanalytischen Sitzung degradiert, mit der rasch spürbaren und äußerst unangenehmen Nebenwirkung, dass auch ein gerade mal 72-minütiger Film sehr langweilig sein kann. Prädikat: Therapie gescheitert.

    Homo sapiens: Großes Kino

    Während in "Lily Lane" und "Hee" unendlich viel geredet, aber so gut wie nichts gesagt wird, verzichtet der Dokumentarfilm "Homo sapiens" von Nikolaus Geyrhalter gleich ganz auf Dialoge und findet stattdessen sprechende Bilder. Zunächst scheint der Titel nicht zu halten, was er verspricht, denn im Film tritt kein einziger Mensch auf. Aber wir sehen, was mit dem passiert, was der Mensch hinterlassen hat, wenn die Natur sich die zivilisierte Welt zurückerobert. Ein verwilderter Spielplatz, eine von Unkraut und Pflanzen überwucherte Straße oder eine Kirche, in der kein Choral, sondern nur noch das Gurren der Tauben erklingt. Der viel gerühmte Dokumentarfilmer Geyrhalter ist an verlassene Orte in aller Welt gereist und fängt in statischen und zentralperspektivisch ausgerichteten Aufnahmen ein, wie es aussieht, wenn die Menschheit nicht mehr da ist. Bilder in Bewegung, lautet die Minimaldefinition des Kinos, und auf den ersten Blick scheint "Homo sapiens" tatsächlich durch seine statischen Einstellungen nah an der Fotografie zu sein. Doch Geyrhalter zeigt, wie auch ohne den Menschen bewegte Bilder entstehen können. Es sind die Naturkräfte Wasser und Wind, die Bewegungen auslösen. Die Natur selbst wird zum gestaltenden Akteur. Fernab von schlichten ökologischen oder technikkritischen Botschaften zeigt dieser an überwältigenden Bildern reiche Film die Schönheit des Verfalls und stellt subtil die Hybris des Menschen, seinen unbedingten Fortschrittsglauben und seine Sehnsucht nach bleibenden Werken infrage. Filmemacher Geyrhalter verfolgt diesen poetisch-philosophischen Gedanken in aller Konsequenz bis zum Ende und löscht schließlich sein eigenes Kunstwerk aus, wenn im Schlussbild der Schnee so dicht fällt, dass die Leinwand ganz weiß wird und so selbst die Kunst gänzlich verschwindet. Prädikat: Durchdachte Schönheit.

    Berlinale VII: Engagierte Filme, viele Promis und der Wirbel um den Acht-Stunden-Film von Lav Diaz Berlinale VI: Dichterlesungen, Kommunen-Nostalgie und Cyberkriege Berlinale V: Bertolt Brecht goes Musical und der Zuschauer in die dunkle Nacht Berlinale IV: Filmkritiker verlassen fluchtartig den Saal Berlinale III: Überzeugende Beiträge aus Deutschland und Frankreich weitere Links
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