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    KreuzbergEiner, der die Welt ein bisschen besser macht

    Weit hinter Altenahr thront hoch über Kreuzberg die Burg, die dem ruhigen Ortsteil den Namen gibt. Mit ihrem markanten Rundturm wirkt sie wuchtig, ist drinnen aber recht schmal. Die Kapelle am Fuße steht immer offen. Nicht aber das Tor mit dezentem Hinweis, wer dahinter wohnt.

    Lassen sich vom Guten anstecken: Albrecht Freiherr zu Boeselager mit Frau Praxedis.
    Lassen sich vom Guten anstecken: Albrecht Freiherr zu Boeselager mit Frau Praxedis.

    Kreuzberg - Weit hinter Altenahr thront hoch über Kreuzberg die Burg, die dem ruhigen Ortsteil den Namen gibt. Mit ihrem markanten Rundturm wirkt sie wuchtig, ist drinnen aber recht schmal. Die Kapelle am Fuße steht immer offen. Nicht aber das Tor mit dezentem Hinweis, wer dahinter wohnt.

    Bei genauem Hinsehen sind zwei Wappen zu entdecken – das von Al-brecht Freiherr von Boeselager und das seiner Frau Praxedis, einer geborenen Freiin von und zu Guttenberg, einer charmanten und jungen Tante des ehemaligen Verteidigungsministers.

    Als der Freiherr freundlich öffnet, will die 1343 erbaute Burg mit ihrem Anstieg erobert sein. Dass sich oben ein herrlicher Blick über Wiesen und Felder bietet, ist den Kanonenkugeln von Generalfeldmarschall Wolf Heinrich von Baudissin zu verdanken, der 1632 einen Teil der Burg zerstörte und so einen kleinen Vorplatz schuf, auf dem die Sonne zu genießen ist. Zum ständigen Wohnsitz wurde die Burg aber erst 1949.

    Eine Burg bleibt Baustelle

    „Im Sommer war jahrelang Baustelle angesagt“, erinnert sich der 62-Jährige. Und so bleibt es: „Jede Generation hat ihre Aufgabe. Unsere ist das Dach“, meint seine Frau, die den enormen Aufwand lachend nimmt. Überhaupt setzt sie in der kühlen Burg überall heimelige und fröhliche Akzente – jetzt mit vielen Frühlingsblühern. Sie korrespondieren mit Gemälden von Veronika von Degenfeld, die bunt und doch unaufdringlich biblische Themen aufgreift. „Wir wollen auch moderne Kunst, aber keine aggressive“, sagt der Hausherr. Dass er sich daheim nach Harmonie sehnt, ist verständlich. Denn der an der Ahr verwurzelte Jurist („kann auch Dialekt“) leitet nicht nur den Forstbetrieb wie auch den ihm so wichtigen Waldbauverein (1600 Mitglieder), mit dem er vor allem den kleinen Waldbesitzern beistehen will. Seit 1989 ist er zudem – vielfach ausgezeichnet – Gesundheits- und Sozialminister (Großhospitalier) der Regierung des Souveränen Malteserordens und deshalb ständig mit Elendsbrennpunkten auf der Welt konfrontiert – in Slums, bei Flüchtlingen und Kranken. Denn von Boeselager koordiniert und kontrolliert in 120 Ländern alle medizinischen und sozialen Projekte des Ordens.

    Als hohem Würdenträger stünde Seiner Exzellenz eine noble Chefetage in Rom zu. Aber er bestand darauf, in Nähe von Familie und Betrieb zu wirken. „Ist technisch heute ja kein Problem“, zumal Kreuzberg Anschluss zur Datenautobahn hat. Besonders beschäftigt den Burgherrn ein Projekt im Kongo, wo Frauen von Soldaten und Rebellen vergewaltigt wurden. Eine teuflische Kriegswaffe ist das Motiv: Mit der Schändung werden Frauen nach ihren Qualen aus dem Dorf verstoßen, Familien zerrissen. Der Orden hilft 40 000 Opfern medizinisch wie psychologisch und sozial, damit sie wieder einen Platz in Dorfgemeinschaften und in Berufen finden. Wie Mama Sari, die heute die Maltesern unterstützt. „Mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten, ist ein Privileg“, sagte von Boeselager relativierend, als er an der Ahr als vorbildlicher „Ritter im Kampf gegen die Not“ geehrt wurde. Seine Erfahrungen rücken ihm „Maßstäbe“ zurecht. Und doch stimmt auch: Als die fünf Kinder klein waren und sie zuweilen den Vater vermissten, wussten sie, „dass ihr Papi ja die Welt ein klein bisschen besser macht“.

    Helfen ist ein Geschenk

    Der Freiherr kam über die Kranken- und Behindertenwallfahrt nach Lourdes zu den Maltesern. „Zuerst hofft man, helfen zu können. Am Ende ist man der Beschenkte“, weiß seine Frau. Ihr Mann nickt. Elend zu lindern, ist sein Antrieb. Er will „Mut machen, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht entmutigen zu lassen, auch wenn keiner allen helfen kann“. Das bedingt aber auch Nervenstärke: „Ich wusste: Wird ein Kind krank, stürzt eine Decke ein – mein Mann ist im Ausland“, sagt seine Frau, eine fröhliche Fränkin, die sich im Rheinland heute äußerst wohlfühlt.

    Beide Eheleute stammen aus Familien, die im Widerstand aktiv waren. Philipp Freiherr zu Boeselager, der den Sprengstoff für das Hitlerattentat besorgte und später als Zeitzeuge unermüdlich aufklärend Schulen besuchte, verlor Geschwister im Krieg und durch Hinrichtung nach dem Attentat. Dasselbe widerfuhr dem Vater der Freiin, dem 1972 verstorbene Bundestagsabgeordnete Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg, der sich weigerte, Juden zu erschießen.

    Auf die Razzia im „Braunen Haus“ in Bad Neuenahr reagiert das Paar, das mit solchen Vorbildern aufgewachsen ist und gelernt hat, „bei Unrecht den Mund aufzumachen“, nachdenklich. Es sieht vor allem ein soziales Problem von Menschen, „die auch was wert sein wollen“, aber ohne feste Orientierung haltlos an falsche Freunde geraten. Vor diesem Hintergrund, aber auch als Mann des Forsts appelliert von Boeselager an die Politik, ländliche Räume lebendig-intakt zu halten, auch als Wohn- und Arbeitsort.

    Von unserer Redakteurin Ursula Samary

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