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    Rheinland-PfalzDiagnose Rücken: Zu viele OPs?

    In rheinland-pfälzischen Krankenhäusern werden deutlich mehr Patienten wegen Rückenschmerzen behandelt als in vielen anderen Teilen Deutschlands. Je nach Wohnort werden Patienten auch überdurchschnittlich oft operiert – und viele OPs sind laut Experten überflüssig. Das geht aus Zahlen der Bertelsmann Stiftung hervor, die unserer Zeitung exklusiv vorliegen.

    Die Zahlen belegen laut Experten Einschätzungen, dass 80 bis 90 Prozent der Rücken-OPs unnötig sind. Denn laut Bertelsmann Stiftung hängt es erheblich von der Region und den Kliniken ab, ob bei Patienten Rückenleiden diagnostiziert werden und dann operiert wird. Diese Unterschiede lassen sich nicht mit der Bevölkerungsstruktur erklären, weil die Informatiker die Zahlen altersstandardisiert haben. Wenn in einer Region also öfter operiert wird, sind die Menschen dort nicht kränker als anderswo. Vielmehr geht die Stiftung davon aus, dass die Ärzte ihren Beurteilungsspielraum unterschiedlich ausschöpfen – also in manchen Kliniken eher operieren, auch aus finanziellen Gründen.

    Besonders auffällig ist der Kreis Birkenfeld: In keinem anderen Landkreis in Deutschland wurden 2015 mehr Klinikfälle wegen Rückenbeschwerden gemeldet. 1460 Diagnosen pro 100 000 Einwohner zählten die Statistiker bei Patienten aus dem Kreis – ein Zuwachs von 71 Prozent im Vergleich zu 2007. Dabei beziehen sich die Zahlen nicht auf die Kliniken im Kreis, sondern nur auf die dort lebenden Patienten. Deutschlandweit waren es 2015 im Schnitt aller Kreise nur 749 Diagnosen pro 100 000 Einwohner (+30 Prozent), in Rheinland-Pfalz 875 (+30 Prozent) – Platz zwei unter den Bundesländern. In 14 Kreisen und kreisfreien Städten in Rheinland-Pfalz gab es mehr als 1000 Diagnosen, darunter die Kreise Bad Kreuznach (1220, +56 Prozent), Neuwied (1164, +34 Prozent) und der Rhein-Hunsrück-Kreis (1115, +40 Prozent). Andererseits gab es besonders in Städten deutlich weniger Klinikdiagnosen von Rückenleiden. So waren es in Ludwigshafen 2015 nur 368 (+17 Prozent) – der geringste Wert unter allen Kreisen und Städten im Land –, in Mainz 486 (+ 4 Prozent), in Koblenz 838 (+ 28 Prozent).

    Auch bei Operationen zeigen sich deutliche Unterschiede: Auffällig ist wieder der Kreis Birkenfeld. Besonders häufig wurden bei Patienten knöcherne Anbauten am Wirbelkanal entfernt. Diese OP geschah bei Patienten aus dem Kreis Birkenfeld (288 Eingriffe auf 100 000 Einwohner) mehr als dreimal häufiger als in Kaiserslautern (85 OPs). Hohe Werte erreicht auch der Kreis Bad Kreuznach mit 265 Eingriffen – viermal so viele OPs wie 2007 (Bundesschnitt: 160).

    Ebenfalls überdurchschnittlich oft wurden bei Patienten aus Birkenfeld und Bad Kreuznach Wirbelkörper versteift. 160 Eingriffe je 100 000 Einwohner gab es 2015 bei Birkenfeldern, bei Kreuznachern 145 (Bundesschnitt: 106). Bei der Entfernung von Bandscheibengewebe kommen Patienten aus dem Westerwaldkreis überdurchschnittlich oft unters Messer: 328 Eingriffe gab es 2015 (Bundesschnitt: 214).

    Nimmt man alle Eingriffe zusammen, liegt der Kreis Birkenfeld unter allen deutschen Kreisen an zwölfter Stelle mit 742 Eingriffen, Bad Kreuznach auf Platz 28 mit 671 OPs (Bundesschnitt: 480). Ludwigshafener wurden deutlich seltener operiert – in 287 Fällen; bei Patienten aus dem Kreis Ahrweiler waren es 327 OPs.

    Wie lassen sich diese Unterschiede erklären? Der Ludwigshafener Schmerzmediziner Dr. Oliver Emrich sieht einen Zusammenhang zwischen Ärztemangel und OP-Risiko: „Dort, wo es noch viele niedergelassene Schmerztherapeuten gibt, ist die Zahl der Klinikaufenthalte wegen Rückenbeschwerden niedrig. Wo diese Ärzte fehlen, gehen die Patienten notgedrungen in die Krankenhäuser. Und die machen das, was sie am besten können: operieren. In 90 Prozent der Fälle ohne ausreichende Indikation.“ Auch der Chef der Landeskrankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß, sieht die Kliniken als „Ausputzer eines fehlenden ambulanten Bereichs“. Er bestreitet aber, dass dies zu unnötigen OPs führt. Denn es gebe die Möglichkeit, Patienten konservativ zu behandeln, ganzheitlich, ohne OP.

    Tatsächlich hat diese Methode in Rheinland-Pfalz eine lange Tradition – ausgehend von den Loreley-Kliniken in St. Goar, wo unter der Federführung des früheren Chefarztes Dr. Matthias Psczolla schon Mitte der 80er-Jahre eine konservative Orthopädie entstand. Wer die Datensätze des Statistischen Bundesamtes nach diesen Eingriffen durchsucht, kommt zu einem erstaunlichen Befund: Im Rhein-Hunsrück-Kreis wurden 2015 mehr Rückenpatienten konservativ behandelt (584 Eingriffe pro 100 000 Einwohner) als operiert (482 Eingriffe). Das ist der mit Abstand höchste Wert der in Deutschland kaum verbreiteten Behandlung. Mit weitem Abstand auf Platz zwei folgen die konservativ behandelten Patienten aus dem Kreis Birkenfeld. Dort gab es 206 Behandlungen. Operiert wurde aber 742-mal.

    ck

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