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  • WiesbadenEine "Walküre" mit Fragezeichen

    Musikalisch ist im Wiesbadener "Ring" ein Knoten geplatzt: Orchester und Dirigent harmonieren, das Sängerensemble mit vielen Debütanten kann sich sehen und hören lassen. Schwierig bleibt die Inszenierung des Regie führenden Hausherrn Uwe Eric Laufenberg.

    Keine Angst, Brünnhilde ist im Denkmal gut geschützt: Feuerzauber der Wiesbadener "Walküre".  Foto: K. u. Monika Forster
    Keine Angst, Brünnhilde ist im Denkmal gut geschützt: Feuerzauber der Wiesbadener "Walküre".
    Foto: K. u. Monika Forster

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Wiesbadener Staatstheaters, hadert mit Kritikern. Damit steht er nicht allein, doch im Gegensatz zu sich womöglich im Stillen ärgernden Regiekollegen veröffentlicht er ab einer gewissen Massivität des Gegenwindes eine Art "Gegendarstellung" auf der Internetseite des Hessischen Staatstheaters. Zuletzt merkte er nach seinem viel gescholtenen "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen auf. Eine seiner Aussagen sollte dabei auf jeden Fall Anlass zum Nachdenken geben: Die Kritiker, so Laufenberg sinngemäß, erwarten abgeschlossene Systeme, in denen sich eines aus dem anderen ergibt. Lassen also folglich keine Brüche zu, keine Mehrdeutigkeiten.

    Keine Eindeutigkeit erwarten

    Ein interessanter Ansatz, den man bei seiner Inszenierung des "Rings des Nibelungen" unbedingt im Hinterkopf haben muss. Denn auch dort ist in der Regie nur eines gewiss: dass nichts gewiss ist. Startete der Vorabend "Rheingold" als der Umzug göttlicher Beduinen in eine Akropolis auf wolkigen Höhen (also erzählt entlang alter Hochkulturen), so beginnt der erste Tag der "Ring"-Tetralogie, "Die Walküre", in einer nordischen Gastwirtschaft. Diese Interpretation von Hundings Hütte freilich hat noch ein Obergeschoss, in dem Solisten und Statisten stumm die Verfolgung des Wotanssohnes Siegmund mimen - und von dem aus Oberwalküre Brünnhilde wie ein Schutzengel die Geschicke Siegmunds immer im Blick hat. Dass im Keller der berühmte Wonnemond dieses Aufzugs nicht scheint: Das ist dann halt so.

    Weiter geht es im Zeitstrahl, und so ist Wotan auf einmal Heerführer im Zweiten Weltkrieg. Ein mobiles Zelt ist Rahmen des zweiten Aufzugs, und Bühnenbildner Gisbert Jäkel, dessen prunkvoll gemeinte Realismen wie Raubvogelstatue und Walkürendenkmal ausgiebig und billig wirkend wackeln, enthält sich auch diesmal jedes Versuchs, auch nur einen akustisch günstigen Raum zu schaffen. So wird es schon Sinn und Notwendigkeit haben, dass alle Solisten wieder an der Rampe entlang agieren. Als Personenführung ist das ein denkbar schmales Spektrum im Möglichen.

    Der Schlussakt schließlich zeigt die Walküren, die Schar der Wotanstöchter, im Kostüm von Kampffliegerinnen, aber nicht im Hangar, sondern in einem gewaltigen Reitstall samt echtem Pferd. Und dieser gewaltige Raum gibt den Stimmen der wackeren Sängerinnen, die bei der Premiere manchen Einsatz verpassen, so wenig Widerhall, dass sie wie in Verzweiflung einzeln und ständig ganz nach vorn rennen, um Gehör zu finden. Im vollen Ritt wirft eine Reiterin vom Sattel aus Leichenteile in die Raummitte, die Walküren selbst, die bei Wagner die gefallenen Helden nach Walhall geleiten, verspotten die Toten und spielen frevlerisch mit ihnen - aber wieso? Sollten die paradiesischen Versprechen, die ihre Anführerin Brünnhilde dem todgeweihten Siegmund macht, gelogen sein? Ein interessanter Ansatz, wenn er denn auserzählt und nicht nur in den Raum gestellt würde.

    Ansonsten hat Laufenberg seine Vorliebe für hinzugefügte Figuren und Statistenaktivitäten beibehalten, leider auch in den Szenen wie der Vereinigung des Geschwisterpaares Siegmund und Sieglinde, denen Brünnhilde mit einer Armlänge Abstand beim Vollzug zusieht. Und, noch fataler: Der Todesverkündigung Brünnhildes an Siegmund nimmt ein rummeliges Tableau vivant einer Festgesellschaft himmlischer Freuden jede Gänsehaut. Gleiches gilt für Wotans Abschied von Brünnhilde, dem die Walkürenschar wie Edelstatisterie quälend lang beiwohnen. Der Feuerzauber, der Brünnhilde schließlich per Video umhüllt, zeigt erst Feuersbrunst, dann Bombenabwurf, dann nächtliche Großstadtbeleuchtung - man darf sich eine Interpretation aussuchen, wenn man noch will. Der von Buhrufen für die Regie durchsetzte Premierenbeifall zeigt, dass manche darauf keine Lust mehr hatte.

    Überwältigende Brünnhilde

    Dafür darf man sich in Wiesbaden über ein Ensemble freuen, das mit vielen Rollendebüts auf erstaunlichem Niveau aufwarten kann. Allen voran stellt sich die in Mainz ausgebildete Sopranistin Sonja Gornik als überwältigende jugendliche Brünnhilde vor, die mit guter Durchschlagskraft alle Klippen der Partie und die Orchesterwogen übersegelt, dabei bis zum Schluss lyrischen Wohlklang verströmen kann und neuralgisch schwierigsten Punkten der Partie Fantastisches leistet.

    Auch Tenor Richard Furman macht mit einem starken Debüt als Siegmund nachhaltig auf seine Eignung für das Wagnerfach aufmerksam, als seine Zwillingsschwester Sieglinde bietet Sopranistin Sabina Cvilak eine auf Anhieb reife und souveräne Leistung in dieser anspruchsvollen Partie. Margarete Joswigs Fricka glänzt mit Ausgeglichenheit, Autorität und Noblesse, an ihrer Seite ist Gerd Grochowski ein gut gestaltender Wotan, der zu den stimmlich leichteren Sängern dieser Partie gehört. Er kann sich wie alle anderen auf den Dirigenten Alexander Joel im Graben verlassen, der mit einem offenbar gut gelaunten Orchester seine Einstandshakeleien im "Rheingold" vergessen und Lust auf die nächsten "Ring"-Teile macht.

    Termine und Tickets unter Tel. 0611/132 325

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