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  • Premiere Jubel für sinnenfrohe Produktion Tim Plegges mit dem Hessischen Staatsballett

    Ballettpremiere am Staatstheater: "Sommernachtstraum" als märchenhaftes Tanzstück

    Wiesbaden. William Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtraum” ist auch für das Ballett ein wunderbarer Stoff. Denn worum geht es darin vor allem? Buchstäblich um die Verzauberung durch Liebeslust. Wie kaum ein anderes seiner Stücke spielt dieses mit dem Reiz der Erotik, der Macht des Sexus, den Unberechenbarkeiten der Triebe. Wenn es so sehr um Kräfte, Wirkungen, Ausdruck menschlicher Körper geht, ist die Tanzkunst ein sehr naheliegendes Darstellungsmedium.

    Spiel mit den Reizen: Choreograf Tim Plegge verzaubert mit dem Hessischen Staatsballett und dem „Sommernachtstraum“. Foto: Andreas Etter
    Spiel mit den Reizen: Choreograf Tim Plegge verzaubert mit dem Hessischen Staatsballett und dem „Sommernachtstraum“.
    Foto: Andreas Etter

    Von unsererm Autor Andreas Pecht

    Viele Choreografen haben sich des Stoffes schon angenommen, jetzt auch Tim Plegge, Chef des Hessischen Staatsballetts. Zur Premiere kam im Staatstheater Wiesbaden ein zweieinhalbstündiger, ebenso opulenter wie gefälliger und lautstark bejubelter Abend, der stark auf märchenhafte Verspieltheit setzt. Wie John Neumeier bei seiner legendären Umsetzung von 1977 baut Plegge musikalisch ebenfalls auf eine Mischung aus Felix Mendelssohn Bartholdys Bühnenkomposition und jüngerer Werke, hier etwa von Dimitri Schostakowitsch, Bernd Alois Zimmermann und dem Minimalisten John Adams.

    Das Wiesbadener Staatsorchester formt daraus unter Benjamin Schneider versiert eine Collage extremer Unterschiede, die zugleich atmosphärisch Ordnung schafft: Klassisches begleitet die Menschen durchs Geschehen; Feen und Kobolde geistern durch die Klangwelten der Neutöner. Frank Philipp Schlößmanns Bühne folgt dieser Zweiteilung: Die Menschenwelt im Hause des Egeus ist ein geschlossener Raum, hinter dessen Wänden dräut der Zauberwald in Form eines bühnenhohen Bretterchaos'. Dort geraten Oberon und Titania, das Königspaar der Elfen, aneinander – was man ahnen, aber kaum sehen kann, weil diese Tanzpassage leider von allzu fettem Theaternebel verschluckt wird.

    Derweil löst Papa Egeus bei Töchterchen Hermia gehörigen Verdruss aus, weil er sie partout mit dem falschen Jüngling, dem Demetrius, zwangsverheiraten will. Das Mädchen hat nun diesen Gockel am Hals, verzehrt sich indes nach dem geliebten Lysander. Zugleich grämt sich ihre Busenfreundin Helena frustriert, denn sie ist scharf auf Demetrius, kriegt aber erst einmal gar keinen ab. Hier hat der Abend seine ersten tänzerischen Höhepunkte, die sich auch nachher auf die vier in den Wald entfleuchten jungen Leute, vor allem die beiden Frauen, konzentrieren. Fünfter im Bunde der quirlig, neckisch, herzig, lüstlich auftanzenden Truppe ist der Puck von Guido Badalamenti.

    Haben wollen und nicht kriegen; nicht lieben, aber begehren; unschuldig sein, doch bald in Unterhosen oder Leibchen jeden und jede umschlingend: Pucks zauberischer Schabernack nebst libidinöser Folgen ist Gleichnis für die Entfesselung der im Unterbewussten verborgenen Triebe. So die Shakespeare-Interpretation heutzutage – der Plegges Choreografie im Grundsatz folgt, auch wenn sein Jugendquartett sich mit schmunzelig unschuldigem Sex-Appeal eher kabbelt. Träger dieses Ansatzes sind primär Ezra Houben (Hermia) und mehr noch Miyuki Shimizu (Helena) mit ihrem vielgestaltigen Bewegungs- und Ausdrucksrepertoire luftig-leichter bis kiebiger Mädchenhaftigkeit zwischen Zorn und Frust, Liebelei und Lust. Die eifernde, aber hübsch-harmlose Jungengeilheit von David Cahier (Lysander) und Igli Mezini (Demetrius) passt dazu famos.

    Das Wiesbadener „Sommernachtstraum”-Ballett kommt der Grenze zur kurzweiligen Nettigkeit recht nahe. Überschritten wird sie jedoch kaum, weil Plegge für den nicht nur am ästhetischen Genuss orientierten Zuseher immer wieder Verweise auf Shakespeares Tiefenschichten einflicht. So zwingt bei der abschließenden Hochzeitsfeier in Wiesbaden ein Marionettenspiel die jungen Paare zum erschreckenden Erkennen: Die Puppen zeigen, was im Wald Wildes geschah – das stets im Menscheninnern lauert.

    Nächste Termine: 25. Februar (eventuell Restkarten an der Abendkasse) und 2. März, Karten unter Telefon 0611/132.325

     

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