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  • Premiere Staatstheater Wiesbaden zeigt Bühnenfassung von Amos Oz' Roman "Judas"

    100 Minuten über missverstandene Väter: "Judas" als  Bühnenfassung

    Wiesbaden. „Gesprächstherapie” hat der Literaturkritiker Denis Scheck die zentrale Personenkonstellation in Amos Oz' „Judas” genannt. Das Staatstheater Wiesbaden zeigte jetzt eine Bühnenfassung des Romans.

    Rainer Kühn als Gershom in „Judas“: Faszinierende Studie eines verbitterten Grantlers, der hellsichtig das Leben versteht. 
    Rainer Kühn als Gershom in „Judas“: Faszinierende Studie eines verbitterten Grantlers, der hellsichtig das Leben versteht. 
    Foto: Karl und Monika Forster

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Der 2015 erschienene Roman führt anno 1959/60 drei Menschen in einem Jerusalemer Haus zu langen Disputen zusammen. Es mag, neben dem hochinteressanten Stoff, an der Dialogfreudigkeit des Buches liegen, dass die Zubereitung des „Judas” für die Bühne jetzt am Staatstheater Wiesbaden ein bewegendes und in tiefe Nachdenklichkeit stürzendes Ergebnis zeitigt. Denn miteinander zu sprechen, trifft das Wesen des Sprechtheaters. Man darf diese Bühnenfassung zu den eher gelungenen unter den allzu vielen bemühten Romanadaptionen am jüngeren deutschen Theater zählen.

    Natürlich fällt beim nur 100 Minuten umfassenden Abend sehr viel weg vom überaus komplexen 335-seitigen Roman. Clemens Bechtels Inszenierung konzentriert sich auf Kernmomente der Gespräche und eine sparsame Handlung im düsteren Haus des greisen, an Krücken gehenden Gershom Wald. Dieser, seine verwitwete Schwiegertochter Atalja und der als Gesprächsgesellschafter angestellte Student Schmuel treffen zwischen Bücherregalen und abgewetztem Mobiliar (Bühne: Matthias Schaller) in kammerspielartiger Dichte aufeinander.

    Zwei Unterhaltungsstränge

    Zwei Themen stehen im Mittelpunkt der Unterhaltungen. Einerseits geht es um den Staat Israel mit seinen Verwicklungen in die schwierige Geschichte jüdisch-arabischer Beziehungen. Andererseits entspinnt sich ein religiöser Deutungsdiskurs über die Rolle des Judas Iskariot für das Christentum.

    Beide Themen durchdringen einander bei der Frage nach der Bedeutung von Verrat. Denn Ataljas verstorbener Vater, der fiktive Versöhnungsaktivist Scheatiel Abrabanel, galt im jungen Israel Ben Gurions als Verräter. Er unterhielt gute Beziehungen zu Arabern, wandte sich gegen die Gründung eines jüdischen Nationalstaates, warnte vor dadurch unvermeidlich werdenden Kriegen zwischen den beiden Völkern in einem Land. Und war nicht Judas am Ende der Gläubigste unter Jesu Jüngern? So fest überzeugt davon, der Gottessohn werde tatsächlich vom Kreuz herabsteigen, dass er den Menschensohn durch „Verrat” zwangsweise über sein ängstliches Zaudern hinweghalf. Ewiger blutiger Zwist als Folge der Missdeutung vermeintlichen Verrätertums: Hier der fortdauernde Nahost-Konflikt, dort die Jahrhunderte währende Anfeindung der „verräterischen Juden” durch Christen.

    Ungewohnte Perspektiven

    Amos Oz mutet seinen Lesern allerhand Nachdenken über ungewohnte Perspektiven zu, das Theater nicht minder. Beiderseits handelt es sich indes nicht nur um intellektuellen Disput. Zwei der drei Beteiligten sind mehrfach Betroffene. Der in Israel geächtete Abrabanel war schließlich Ataljas Vater und Gershoms Schwager; zudem fiel Ataljas Mann/Gershoms Sohn als Freiwilliger im Unabhängigkeitskrieg der Juden in Palästina.

    Die Geister der Toten mischen sich als Erinnerungsbilder in die Gespräche der drei. Mal liegen hingemetzelte Soldaten im Raum, mal redet Abrabanel (Benjamin Krämer-Jenster) seinen israelischen Landsleuten mit ohnmächtiger Verzweiflung ins Gewissen. Doch sind es nicht zuletzt der ernsthafte Ton und die trefflich reduzierte Spielweise des Trios der Lebenden, die für diese Inszenierung einnehmen. Rainer Kühn gibt den Gershom als verbitterten Grantler wie hellsichtig das Leben verstehenden Greis. Er weiß auch um die Unvermeidlichkeit wie Zwecklosigkeit einer Liebelei zwischen der 45-jährigen kühlen, spröden, verschlossenen und doch fraulichen Kriegerwitwe Atalja von Solveig Arnasdóttir und dem allweil aufgeregten, ziellos eilenden Schmuel von Maximilian Pulst.

    • Termine und Tickets gibt es unter Tel. 0611/132 325

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