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    GazaKriegsleid statt Freude: Bitteres Zuckerfest im Gazastreifen

    Wie ein bleierner Mantel liegt der Geschützdonner der israelischen Artillerie im Gazastreifen über dem ersten Morgen des Eid al-Fitr, des dreitägigen Fests des Fastenbrechens. 30 Tage lang haben die meisten der 1,8 Millionen Palästinenser den religiösen Vorschriften folgend im heiligen Monat Ramadan tagsüber gefastet.

    Zerstörtes Haus
    Palästinenser inspizieren nach einem israelischen Luftangriff ein zerstörtes Haus in Gaza.
    Foto: Mohammed Saber - DPA

    Das Eid, das Fest nach dem Ramadan-Ende, ist für muslimische Familien eigentlich das freudigste Ereignis im Jahr. Weil die Kinder oft mit Süßigkeiten beschenkt werden, wird es auch Zuckerfest genannt.

    Doch in Gaza ist es in diesem Jahr, inmitten des Kriegs zwischen Israel und der militanten Hamas, nach mehr als 1000 Toten und angesichts verheerender Zerstörungen, kein Fest der Freude.

    Verwirrung herrschte darüber, ob nun die humanitäre Feuerpause vom Samstag in die Eid-Zeit verlängert wurde. Am Sonntag erklärte die Hamas eine 24-stündige Waffenpause, nachdem sie zuvor einen gleichlautenden israelischen Vorschlag abgelehnt hatte. Israel gab am Montag bekannt, dass seine Truppen nur feuern würden, wenn sie angegriffen werden.

    Wegen der unübersichtlichen Lage wagen sich anfangs nur wenige Menschen ins Freie. Schließlich merken sie, dass doch weit weniger geschossen wird als zuvor. Bürger aus den umkämpften Stadtteilen, die in UN-Schulen Zuflucht gesucht haben, laufen zu ihren zerstörten Wohnhäusern, um in den Trümmern ihrer Behausungen nach Decken, Bettgestellen oder halbwegs unversehrtem Küchengeschirr zu suchen.

    Andere nutzen die brüchige Waffenruhe, um ihre verletzten Angehörigen im Schifa-Krankenhaus zu besuchen. Wiederum andere kehren zu den frisch ausgehobenen Gräbern zurück, in denen ihre Toten liegen. Sie pflanzen frische Blumen und geben sich der Trauer hin.

    «Das ist das schlimmste Eid, das ich in meinem Leben erlebt habe», empört sich der 45-jährige Ex-Polizist Fadel Abu Nadscha. «Als ich selbst noch ein Kind war», erinnert sich der siebenfache Vater, «war dies ein Fest voller Glückseligkeit. Aber dieses Jahr: nichts als Blut, Zerstörung, Schmerz, Trauer und Traurigkeit.»

    Abu Nadscha diente in der regulären palästinensischen Polizei und verlor seinen Job, als die islamistische Hamas im Sommer 2007 im Gazastreifen gewaltsam die Macht an sich riss. Sein Urteil ist illusionslos: «Israel und die Hamas müssen diesen Krieg beenden. Denn keine der beiden Seiten kann irgendeinen politischen Fortschritt vorweisen, der das Leben der jeweiligen Völker verbessert hätte.»

    Der 26-jährige Geschäftsmann Ahmed Mansur besitzt einen Kleiderladen in der Innenstadt von Gaza. «Ich habe mich verschuldet, weil ich damit gerechnet hatte, im Ramadan- und Eid-Geschäft gute Umsätze zu erzielen», schildert er seine missliche Lage. Sein Kalkül war begründet, denn die Ramadan-Nächte sind in normalen Zeiten für viele Muslime auch eine rauschende Einkaufszeit.

    Doch jetzt hat der Krieg, den niemand hat vorhersehen können, Mansur einen Strich durch die Rechnung gemacht. «Meinen Laden hatte ich jetzt nur in den kurzen Perioden der humanitären Feuerpausen geöffnet. Ich nahm gerade mal so viel ein, dass ich meiner Familie ein wenig zu essen kaufen konnte.»

    20 Tage dauert nun die israelische Militäroffensive im Gazastreifen. Die Zivilbevölkerung sehnt sich ein Ende herbei, so schnell wie möglich. «Das ist kein normales Leben», sagt Ahmed Mansur. «Das ist kein normales Eid. Wie können die Menschen feiern, wenn sie oder der Nachbar um Angehörige trauern?»

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