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    Frankfurt/MainKapitalismuskritiker harren vor EZB aus

    Männer in dunklen Anzügen und Steppjacken eilen über die Straße, einer drückt sich im Gehen das Blackberry ans Ohr. Nebenan kriecht langsam eine junge Frau aus ihrem olivgrünen Zelt, die Haare sind noch etwas verzottelt.

    Protest-Camp vor der EZB in Frankfurt/Main
    Fünf Tage harren die Demonstranten bereits vor der Europäischen Zentralbank aus - trotz Kälte.
    Foto: Frank Rumpenhorst - DPA

    Im Protestcamp vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main bricht am Mittwoch Tag Fünf an - seit Samstag protestieren Aktivisten dort gegen die Macht der Finanzmärkte. «Wir kommen hier nicht weg, weil man sich schon so verbunden fühlt mit dem Camp», meint die 23-Jährige aus Augsburg. Ihren Abreisetermin hat die Studentin sausenlassen.

    Inmitten von Hochhäusern haben die Protestler rund 50 Zelte aufgeschlagen. Auf Plakaten fordern sie «Menschen vor Profite» und «Empört euch!». Vom Kampf gegen die Bankenwelt bringen selbst Regen und Kälte die Aktivisten nicht ab. Sie wickeln sich in Decken ein, trinken Kaffee und entzünden Feuer. «Wir haben ja die Tonnen wie in der Bronx», sagt ein 38-Jähriger, der den Weg im Camp fegt. Das Lager ist bis 29. Oktober von der Stadt genehmigt. Unterstützung bekommen die fröstelnden Aktivisten von außen. «Wir brauchen nur bei Twitter oder Facebook posten: Wir brauchen Brennholz», meint der Aktivist.

    Viele Lebensmittel sind Spenden. Im Küchenzelt schlägt ein Mann Eier auf, um «French Toast» zu machen. Äpfel lagern in einer großen Kiste, geschnittene Möhren und Gurken liegen auf Papptellern. Zum Frühstück gibt es Kekse und Brötchen. «Heute Morgen sind wir um 5.00 Uhr aufgewacht und haben für 100 Leute Kaffee gemacht», erzählt ein Mann aus Dietzenbach. In Thermoskannen hat der Pastor einer freien Kirche die braune Brühe zum Camp gefahren. Die städtischen Bühnen öffnen ihre Schauspiel-Kantine für die Protestler. Die GLS-Bank bietet in ihrer Filiale am Bahnhof eine Dusche an.

    «Das macht nicht nur Spaß, es wird ja schweinekalt», meint eine 28-Jährige, die Nachtwache geschoben hat. Nach Polizeiangaben verbrachten rund 70 Menschen die vierte Nacht in Folge vor der EZB. «Mich motiviert die Tatsache, dass endlich viele Menschen gemerkt haben, dass gewaltig was schief läuft», erzählt die Frau. Dass die Bundeskanzlerin zur Verabschiedung des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet anreise, könne sie nicht verstehen. Banken bekämen Millionen, während Deutschland über fünf Euro für Hartz-IV-Empfänger streite. «Und dann geht sie noch mit ihnen Party machen? Ich empör' mich da.»

    Als die Kanzlerin dann vor der Alten Oper vorfährt, sind rund 50 Protestler mit Bannern vor Ort. Viele tragen Papiermasken mit dem Konterfei Angela Merkels, im Mund stecken falsche Fünf-Euro-Schein. Im Chor rufen sie «Kommunikation», wirbeln das Papiergeld durch die Luft. Polizisten in blauen Uniformen säumen die Absperrung. «Ich fänd's gut, wenn Trichet zum Beispiel in griechischen Staatsanleihen seine Rente bezahlt bekäme», sagt ein Aktivist. Andere rufen «Merkel, Juncker, Barroso und Co - machen nur die Banken froh.»

    Vorbild der Frankfurter Proteste sind New Yorker Aktivisten, die seit einem Monat im Finanzdistrikt der Millionenmetropole campieren. Mit dem Slogan «Occupy Wall Street» («Besetzt die Wall Street») protestieren sie gegen die Auswüchse der Finanzmärkte. Vergangenen Samstag erreichte der Protest auch Deutschland. Zehntausende waren auf die Straßen gegangen. Rettungsschirm und Ratingagentur? «Das ist alles so ein abgekapseltes Irgendwas in einer Wolke mit Fragezeichen für den Bürger», findet ein Aktivist im Camp.

    Nach Überzeugung des Berliner Politikwissenschaftlers Dieter Rucht werden auch in Deutschland die Proteste gegen die Macht der Finanzmärkte zunehmen. «Das ist kein Strohfeuer, es wird weiterhin und wiederholt Demonstrationen geben», so Rucht. Der Politologe sieht eine wachsende Unzufriedenheit über das Verhalten der Finanzmärkte und der Politiker in der gegenwärtigen Euro-Krise. «Die Leute sagen: Das wollen wir nicht mehr mitmachen, das verstehen wir nicht.»

    Passanten, Journalisten und Kamera-Teams schleichen derweil durch das EZB-Camp. Ein Mann, der als Softwareentwickler in der Finanzbranche arbeitet, findet das Camp richtig gut: «Wenn man sich dieses große, protzige Euro-Zeichen anguckt: Das hat sowas Götzenhaftes.» Die Leute könnten nach einer solchen Aktion das aufgeblasene Finanzsystem mehr infrage stellen. Viele Männer in dunklen Anzügen hingegen wollen das Lager der Kapitalismuskritiker nicht kommentieren. «Keine Zeit», sagt einer und hetzt die Straße entlang.

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