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    Zagreb«Die Leute haben Angst»: Ungewissheit an der kroatischen Grenze

    Die spätabendliche Kulisse am Grenzübergang Bregana bei Zagreb wirkt befremdlich, fast surreal. Urlauber verlassen Kroatien in ihren Oberklassewagen, einige davon mit deutschem Kennzeichen. Helle Scheinwerfer weisen ihnen den Weg Richtung Heimat.

    Grenze
    Sie werden hin- und hergeschoben: Migranten in einem ungarischen Bus an der Grenze zu Kroatien.
    Foto: Zoltan Balogh - dpa

    Keine 50 Meter weiter kauern Hunderte Flüchtlinge im Dunklen auf einer Wiese. Die Menschen sind müde und erschöpft. Manche schlafen auf dem blanken Asphalt. Sie warten seit Stunden. Auch sie wollen nach Slowenien - eine weitere Etappe auf ihrem langen Weg nach Österreich, nach Deutschland oder Schweden. Doch ein Absperrgitter und Dutzende Polizisten dahinter blockieren ihren Weg.

    Die Flüchtlingskrise auf dem Balkan spitzt sich zu. Ungarn zieht Zäune hoch, deshalb wählen täglich tausende Flüchtlinge aus Serbien den Weg über Kroatien. 14 000 sollen dort bereits sein. Kroatien will die Menschen schnell wieder loswerden, doch auch seine Nachbarn haben Angst, zu Auffanglagern zu werden. Die Flüchtlinge werden von A nach B gefahren, von Aufnahmezentren zu Grenzen, von Land zu Land. Die Lage ist unübersichtlich.

    Es ist am Freitagabend, 23.31 Uhr an der Grenze bei Zagreb. Einige Flüchtlinge liegen in rote Decken gehüllt auf dem Asphalt. Ein kleiner Junge betet auf einem Pappkarton gen Mekka. «Ich suche noch Kinder», ruft Annamaria Karamatic in die Menge. Die 30-jährige Kroatien wohnt gleich in der Nähe. Sie hat auf der Arbeit von dem Menschenauflauf am Grenzübergang gehört. Mit Freunden verteilt sie nun Wasser in Plastikflaschen und Brötchen aus einem Pappkarton. Sie wolle aus humanitären Gründen helfen. «Es werden immer mehr», sagt sie. «Die Leute haben Angst.»

    Mohammed Khasir lehnt an dem Absperrgitter direkt an der Grenzlinie und raucht. Schon drei Stunden harrt der Iraker nun hier aus. «Vielleicht lassen sie uns ja durch», sagt er. Für ihn sind ein paar Stunden noch zu verkraften. Schließlich sei er schon seit vier Wochen auf der Flucht, erzählt er.

    Der 21-Jährige hat seine Familie im Irak zurückgelassen. Er träumt von Finnland. Doch dazu muss er erst mal nach Slowenien. Das Absperrgitter, auf das er sich stützt, ist nur rund 1,50 Meter hoch. Doch gleich dahinter warten Dutzende slowenische Polizeibeamte mit ernsten Mienen. An diesem Abend ist Slowenien für Mohammed Khasir zum Greifen nah, aber das kleine Gitter scheint unüberwindbar.

    Keiner weiß derzeit so recht, was an welcher Grenze vor sich geht. Slowenien hatte am Freitag erst deutlich gemacht, dass es keine Migranten durchreisen lassen will. Doch an der Grenze bei Bregana beginnt die Polizei um 0.43 Uhr, einzelne Familien und Kinder aus der Menge zu picken. Die herumsitzenden Flüchtlinge stehen auf, sie drängen hoffend zum Gitter, schieben von hinten. Beamte heben Kleinkinder über das Gitter. Andere Flüchtlinge rufen und schreien empört - auch sie wollen auf die andere Seite. Kinder weinen. Die auserwählten Familien werden in Kleinbussen abtransportiert. In eine Flüchtlingsunterkunft nach Slowenien, berichtet ein slowenischer Übersetzer. Wieder ein Land weiter.

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