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    BerlinTV-Duell: Merkel findet spät zu ihrer Form

    Als die Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer um kurz vor acht vor den Fernstehstudios in Adlershof ankommen, beginnt bereits die „psychologische Kriegsführung“.

    TV-Duell
    Angela Merkel und Peer Steinbrück beim TV-Duell.
    Foto: ARD - DPA

    Hunderte Merkel-Anhänger rufen im Sprechchor „Angie, Angie“. Peer Steinbrücks Anhänger sind kaum zu hören.

    Der Kanzlerkandidat wirkt kurz berührt, eilt dann straffen Schritts Richtung Studio. Angela Merkel im dunklen Blazer schreitet milde lächelnd durch die jubelnde Menge. Sie weiß, dass sie als Favoritin in dieses vierte Fernsehduell in Deutschland vor einer Bundestagswahl geht. Aber sie darf jetzt keinen Fehler machen.

    Merkel und Steinbrück sind vor dem Duell nur vom engsten Mitarbeiterkreis umgeben. Nebenan aber ist eine ganze Halle voller Gäste und Journalisten damit beschäftigt, zu deuten und zu interpretieren. Generalsekretäre und Minister, Promis aus Kultur und Fernsehen haben auf weißen Hockern Platz genommen, es gibt Sekt und kreativ belegte Häppchen. Das TV-Duell ist mit etwa 1000 Gästen ein gesellschaftliches Ereignis in Berlin.

    Bei der Union ist man bemüht, sich besonders gelassen zu präsentieren. Die Beliebtheit der Kanzlerin, ihre präsidiale Ruhe - man setzt darauf, dass sie sie auch beim Fernsehduell gegen einen angriffslustigen Peer Steinbrück hat. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble scherzen gut gelaunt mit Journalisten in der „Fankurve für Angela Merkel“. Von der Leyen nimmt neben CDU-Unterstützerin Uschi Glas Platz.

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    Das TV-Duell

    Angela Merkel und Peer Steinbrück sind am Abend im TV-Duell gegeneinander angetreten, Millionen Zuschauer schauten zu. Welchen Politiker fanden Sie überzeugender?

    Angela Merkel.
    25%
    Peer Steinbrück.
    70%
    Ich habe abgeschaltet.
    1%
    Ich habe gar nicht erst eingeschaltet.
    1%
    Überzeugend hätte ich eine Frage nach den belgischen Farben auf der Kette gefunden, aber sie kam nicht.
    3%
    Stimmen gesamt: 2144

    SPD-Herausforderer Steinbrück hat heute Abend nichts zu verlieren. Selbst in der SPD meinen viele, dass es seine letzte Chance ist, seinen bislang glücklosen Wahlkampf noch herumzureißen. Generalsekretärin Andrea Nahles sagt, sie habe Steinbrück an diesem Sonntag nicht einmal mehr eine SMS geschrieben. „Vor einem solchen Auftritt braucht man nur noch Ruhe. Da sollte man spazieren gehen. Dass wir alle hinter ihm stehen, dass weiß er.“ Für die SPD macht auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Thorsten Albig Stimmung. „Er kann es einfach“, sagt er. Viele erwarten, dass Steinbrück sich im Duell besser schlägt. Es ist der erste öffentliche Schlagabtausch zwischen ihm und der Bundeskanzlerin, die es bislang vermied, überhaupt nur seinen Namen öffentlich zu erwähnen. Im Duell wird sie später gönnerhaft sagen, „dass Peer Steinbrück kein Mitleid nötig hat“.

    Als es um 20.30 Uhr losgeht, verstummt das Stimmengewirr der Deuter und Beobachter. Steinbrück darf das Duell eröffnen und startet überraschend gut mit einer gefühligen Ansprache. Er spricht von Menschen „die selbst ihre Lebensentwürfe schreiben können“ sollen. Er stellt konsequent das Thema soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund, geißelt „prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeit, von denen Menschen ihren Lebensunterhalt nicht bezahlen können“. Er schaltet allerdings auch schnell auf Angriff. Eine Bundesregierung dürfte sich nicht „von Gipfel zu Gipfel hangeln“. „Lassen Sie sich nicht einlullen“, sagt er als Provokation gegen die Kanzlerin, die in den vergangenen Wochen kaum erkennen ließ, dass sie sich im Wahlkampf befindet. Merkel startet holprig und findet erst im Verlauf des Duells zu ihrer Souveränität. Beim Thema Euro-Krise lässt sie Steinbrücks Attacken mit ausführlichen Erklärungen abprallen. „Gerade Sie als früherer Finanzminister müssten es besser wissen“, weist Merkel Steinbrücks Kritik an einem möglichen weiteren Rettungspaket für Griechenland zurück. Um 21:09 Uhr hat Merkel bereits fünf Minuten länger gesprochen als ihr Herausforderer.

    Steinbrück gerät ins Stocken. Der Wahlkampf ist an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Auf die Frage, ob Politiker im Land genug verdienen, verweigert er die Antwort: „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich auf diese Frage jemals noch mal eine Antwort geben werde“, sagt er. Im Dezember hatte er in einem Interview erklärt, dass ein Regierungschef in Deutschland aus seiner Sicht zu wenig verdient. Als Co-Moderator Stefan Raab ihn fragt, warum er nicht für eine Große Koalition zur Verfügung steht, kriegt Klartext-Redner Steinbrück keine schlagfertige Parade hin. Merkel greift die kleine Schwäche sofort auf. Er kämpfe für seine Partei „und nicht für das Land zu kämpfen“, sagt sie spitz. Im Duell hat sie doch noch mit dem Wahlkämpfen begonnen.

    Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

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