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    BerlinKonjunkturmotor läuft nicht mehr rund

    Die internationalen politischen Krisen drücken immer stärker auf die Stimmung in der deutschen Wirtschaft: Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der wichtigste Frühindikator der Konjunktur, sank im September zum fünften Mal in Folge und hat den tiefsten Stand seit April vergangenen Jahres erreicht.

    Recht einsam wirkt dieser Schweißer: Die bisher prall gefüllten Auftragsbücher der Industrie leeren sich zusehends.
    Recht einsam wirkt dieser Schweißer: Die bisher prall gefüllten Auftragsbücher der Industrie leeren sich zusehends.
    Foto: dpa

    Von Birgit Marschall und Christine Schultze

    Der Rückgang fiel zudem stärker aus als von den meisten Volkswirten erwartet: Der Index verlor volle 2 auf nun 104,7 Punkte. Besonders besorgniserregend aber ist, dass die für den Ifo-Index befragten Unternehmen die kommenden sechs Monate so skeptisch sehen wie seit Dezember 2012 nicht mehr. Eine Konjunkturabkühlung zum Jahresende sei damit "klar in der Pipeline", mahnt UniCredit-Experte Andreas Rees.

    "Der deutsche Konjunkturmotor läuft nicht mehr rund", warnte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. Sein Institut erwartet nun im laufenden dritten Quartal des Jahres eine Stagnation. Im zweiten Quartal war die deutsche Wirtschaft leicht geschrumpft.

    Wachstumsprognose glatt halbiert

    Banken, Forschungsinstitute und auch die Bundesregierung haben wegen der Konjunktureintrübung ihre Wachstumsprognosen für das laufende und auch das kommende Jahr bereits zurückgenommen. Die deutsche Wirtschaft werde nicht mehr um 2, sondern möglicherweise nur noch um gut 1 Prozent im laufenden Gesamtjahr zulegen, heißt es nun. Eine Rezession, also ein Zurückgehen der Wirtschaftsleistung, wird bisher allerdings nicht erwartet.

    Vor allem die Ukraine-Krise drückt zunehmend auf die Stimmung in den Chefetagen der Industrie. Viele Unternehmen leiden nun doch stärker unter den Wirtschaftssanktionen der EU gegen Russland als zunächst erwartet. Immer mehr Branchen sind betroffen: Ob Lebensmittelindustrie und Agrarsektor, Maschinenbauer oder Autohersteller: Bei vielen Unternehmen zeigen sich inzwischen Bremsspuren im Tagesgeschäft. Wie viel Kopfschmerzen die Entwicklung Wirtschaftslenkern bereitet, zeigte kürzlich ein internationales Treffen in Genf: Dort einigten sich führende Manager großer Unternehmen auf einen Zehn-Punkte-Plan, mit dem sie sich unter anderem für ein Zurückdrehen der Sanktionen aussprachen. Denn in der Industrie hakt es mit dem Ordereingang. Das bisher noch dicke Auftragspolster vieler Firmen schwindet dahin.

    Zudem gibt es Befürchtungen, die über die Ukraine laufende Versorgung mit Gas und Öl aus Russland könnte ins Stocken geraten. Über diesen Punkt will der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger die Verhandlungen mit Vertretern der Ukraine und Russlands fortsetzen. Die Ukraine ist ebenso auf Gas aus Russland angewiesen, kann dieses aber nicht bezahlen. Russland droht daher mit dem Stopp der Lieferungen. Europa ist davon betroffen, weil das russische Gas teilweise durch Pipelines in der Ukraine fließt.

    Bremsspuren werden tiefer

    Doch auch die Schwäche Frankreichs und vieler anderer Euro-Länder dämpft die Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Zur Verunsicherung trägt zudem der Vormarsch der IS-Terrormiliz bei, deren Bekämpfung durch westliche Staaten viel Geld kosten wird. "Die Bremsspuren in der Konjunktur werden tiefer. Das schwächere Exportgeschäft schlägt zunehmend auch auf die Investitionen durch", warnte Alexander Schumann, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Vorerst sorgt noch der robuste Konsum im Inland für Wachstum. "Aber die Bäume wachsen dort auch nicht mehr in den Himmel", sagte Klaus Wohlrabe vom Ifo-Institut, das monatlich 7000 Unternehmen nach ihrer aktuellen Geschäftslage und ihren Erwartungen befragt.

    Um der Konjunktur Schub zu geben, sollte der Rentenbeitrag 2015 sinken, forderte Unionsfraktionsvize Michael Fuchs. "Die Rentenkasse ist gut gefüllt. Die Reserve liegt bei mehr als 1,8 Monatsausgaben", sagte der Wirtschaftspolitiker. "Wir sollten den Rentenversicherungsbeitrag zum 1. Januar 2015 um mindestens 0,5 Prozentpunkte senken. Das würde Bürger und Unternehmen im Jahr 2015 um insgesamt 5 Milliarden Euro entlasten." Damit würden Investitionen und Binnennachfrage erheblichen Schub erhalten.

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